Begrüßung zur Eröffnung der Ausstellung
im MEO-Museum am 11. Januar 2002
Es ist mir eine aufrichtige Freude, Sie zur Vernissage der Ausstellung
"Zeitalter der Angst" des Berliner Künstlers Alexander Polzin begrüßen
zu können. Meine Genugtuung hat vier Gründe:
Wegen der Vorgeschichte dieser Ausstellung: Vor über einem Jahr sprach
mich Rektor Elkana auf die Einweihung einer Skulptur aus Polzins Werkstatt
vor dem Studentenheim der Central European University an. Ich fragte ihn,
ob die CEU die Aufstellung dieses monumentalen Bildnisses von Giordano
Bruno nicht mit einer Ausstellung über Polzins Werk verbinden könne.
Damals ließ sich dies in der kurzen Zeit nicht verwirklichen. Umso schöner
ist es, dass Alexander Polzin jetzt, ein Jahr später, sozusagen seinen
zweiten künstlerischen Auftritt in Budapest geben kann.
Zweiter Grund zur Freude ist die Person des Künstlers: Alexander Polzin
ist ein junger Künstler aus Berlin, geboren in dem Teil der Stadt, der
damals noch Hauptstadt der DDR hieß. Beim Fall der Mauer war er 16 Jahre
alt, also im besten Alter, um danach den Geist des neuen zusammenwachsenden
Berlin mit zu gestalten und zu repräsentieren. Berlin und Budapest sind
bekanntlich Partnerstädte. Es ist schön, wenn sich die Stadtväter oder
vielleicht in Zukunft einmal die Stadtmütter der beiden Hauptstädte treffen
und gemeinsame Projekte realisieren. Noch schöner ist es, wenn Künstler,
Autoren oder Musiker ihre Werke in der jeweils anderen Stadt zeigen oder
vortragen und die Bürger an diesem Austausch teilnehmen. Ich glaube, wir
haben wechselseitig uns genug zu sagen und über unsere Lebenserfahrungen
auszutauschen.
Dritter Grund zur Genugtuung: Das MEO-Museum für zeitgenössische Kunst
bietet einen idealen Rahmen für diese Ausstellung. Ich darf die Gründer und
Kuratoren dieses neuen Museums meiner Bewunderung versichern. Ihnen ist ein
glücklicher Wurf gelungen. Ich danke Direktor Kovats und seinen Mitarbeitern,
dass er sein Museum für diese Präsentation von Alexander Polzins "Zeitalter
der Angst" geöffnet hat. Ich erlaube mir, auch das Goethe-Institut, seine
Leiterin Frau Dr. Kaiser-Derenthal und Herrn Werner zu loben - und zwar
dafür, dass sie sich nicht in ihrer feinen Adresse in der Andrassy út
einschließen. Nur wäre allerdings der Ausstellungsraum dort ohnehin zu
klein, und überdies wird dort zur Zeit eine Ausstellung über die deutsche
Sprache gezeigt, deren Besuch ich übrigens allen ans Herz legen möchte,
die sie noch nicht gesehen haben. Es ist gut und richtig, dass das
Goethe-Institut die Kooperation mit ungarischen Partnern sucht und mit
ihnen zusammen in ihren Räumlichkeiten Projekte verwirklicht.
Schließlich der vierte Grund zur Freude: Die Einstimmung in das Werk von
Alexander Polzin hat Imre Kertesz übernommen. Erlauben Sie mir zu seiner
Person nur den Hinweis, dass er auch in Deutschland ein hochgeschätzter und
vielgelesener Autor ist. Es ist eine Ehre für uns, dass er vorübergehend in
Berlin sozusagen ein zweites Zelt aufgeschlagen hat. Darf ich die Erwartung
formulieren, dass der Aufenthalt in unserer neuen alten Hauptstadt, wo
Libeskinds neues Museum einen wachsenden Strom an Besuchern anzieht, wo
Eisenmann in diesen Monaten mit dem Aufbau des Mahnmals zum Gedenken an die
ermordeten Juden Europas beginnt und wo ein Künstler wie Alexander Polzin
wirkt, ihn vielleicht zu neuen Essays oder erzählenden Arbeiten inspirieren
wird.
Zum Schluss wünsche ich Ihnen, dass Ihnen diese Ausstellung Stoff zum
Nachdenken oder zum Gespräch gibt. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und für
Ihre Aufmerksamkeit.
Bildgewordene Dichtung des deutschen Künstlers Alexander Polzin
Ausstellung in der Sammlung Zeitgenössischer Kunst MEO / Imre Kertész
und Botschafter Gruber eröffnen
Der deutsche Botschafter Wilfried Gruber eröffnet am Freitag, dem 11. Januar
2002, um 17.00 Uhr die Ausstellung "Zeitalter der Angst" des deutschen
Künstlers Alexander Polzin in der Sammlung Zeitgenössischer Kunst MEO
(1047 Budapest - Újpest, József Attila u. 4-6). Sie zeigt einen 99 Teile
umfassenden Bilder-Fries zu dem Gedicht "Zeitalter der Angst" des englischen
Lyrikers Wystan Hugh Auden (1907-1973). Das Gedicht entstand in der Zeit des
Zweiten Weltkrieges und ist eine Zivilisationskritik an der Entmenschlichung
in der Gesellschaft. Polzins Werk stellt sich nun als bildgewordene Dichtung
dar, ohne aber eine Illustration des Gedichts zu sein. Die Einführung wird
der ungarische Schriftsteller Imre Kertész halten. Die Ausstellung ist vom
12. Januar bis 3. März 2002 zu sehen.
Der gelernte Steinmetz, Bildhauer und Maler Alexander Polzin, Jahrgang 1973,
lebt und arbeitet in Berlin. Er arbeitet sich durch die Kulturgeschichte.
Seine Themen sind Kafka, Kleist, Sokrates, Giordano Bruno und viele weitere
klassische europäische Denker, denen er in Porträts oder Skulpturen seine
Reverenz erweist. Ausstellungen von Alexander Polzin waren in Deutschland,
Israel, Österreich, der Schweiz und in den USA zu sehen. Verschiedene seiner
Werke stehen heute in Deutschland, Israel oder der Schweiz. Seit Oktober 2000
befindet sich seine Statue zu Ehren des Philosophen Giordano Bruno vor dem
Konferenzzentrum der Central European University in Budapest. Die Ausstellung
"Zeitalter der Angst" ist nun Alexander Polzins zweiter künstlerischer Besuch
in Ungarn.