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Moshe Zuckermann
Zeitalter der Angst
Anmerkungen zu einer bemerkenswerten Ausstellung

W.H. Audens "The Age of Anxiety" entstand in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Es ist ein merkwürdiges Poem, in welchem drei Männer und eine Frau über das Leben reden, zunächst in einer Bar in der Third Avenue, späterhin in der Wohnung der Frau in der New Yorker West Side, Wie sie darüber reden, macht das Merkwürdige aus. Denn zum einen bewahrt das Poem durchgehend die Stringenz "klassischer", zuweilen odenhaft beschwingter Versform mit der betörenden Durchschlagskraft höchster poetischer Sprache.; zum anderen sprechen aber die vier Protagonisten kaum als "Charaktere", wie es in einer alten Besprechung des Werkes heißt, sondern "durch das Medium von Herrn Audens geistiger Anschauung".(1) Sie wirken in der Tat eher deklamatorisch. Nicht von ungefähr vermutet Alexander Polzin, das riesige Poem sei ursprünglich monologisch, gleichsam in einem Stück niedergeschrieben und erst im nachhinein aufgeteilt und dialogisch auf die einzelnen, als Sprechfiguren fungierenden Personen übertragen worden. Merkwürdig ist aber auch, was alles als "Material" fürs Reden Über das Leben zusammengetragen wird: Das Höchste paart sich da mit dem Profansten, das monströs Schrecklichste mit diversen Petitessen des Alltags, das Barbarische mit dem Gewöhnlichen moderner Massenkultur, Auch hier wieder der Kritiker: "Der Dialog zieht sich durch eine Reihe von recherchierten Gemeinplätzen, eine Anzahl von vulgarisierten philosophischen Schlüssen", bis hin zum Höhepunkt, an welchem einer der drei Männer versucht, die Frau "anzumachen".(2)
Zu fragen wäre freilich, ob es sich hierbei um eine künstlerische "Verfehlung" Audens handelt, oder ob diese scheinbar unvereinbare Gegensätzlichkeit nicht doch ganz bewußt angelegt ist. Denn obgleich Auden aus dem Zeit(un)geist des Krieges schreibt, behandelt er in seinem Poem nicht nur die unmittelbaren Schrecknisse und Wirren dieses historisch spezifischen Weltereignisses, sondern einen zutiefst modernen Zustand, der als solcher gleichwohl auch ein Stück Zivilisationskritik enthält; Auden geht es u. a. um die Anonymisierung des Menschen, um seine Entindividualisierung, um seine Einsamkeit, Entfremdung, ja Entmenschlichung in der Gesellschaft. Das Gefängnishafte dieses "human condition" versteht sich dabei nicht unbedingt als der Horror direkter Unterdrückung und unmittelbarer Gewalt, sondern als Struktur vorwaltender "normaler" Bedingungen, deren Fassade das barbarisch Fortwährende gerade durch das normativ Alltägliche hat "unsichtbar" werden lassen: Angst meint da nicht nur die bewußte Angst vor der konkreten Bedrohung, sondern den Dauerzustand einer unterschwelligen Angst. Mit Bezug auf den Kulminationspunkt der Barbarei im 20. Jahrhundert hat Adorno gesagt: "[Auschwitz] war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen".(3) Und in diesem Sinn heißt es dann weiter: "Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte".
Wenn also Hobbes, der große Philosoph der Angst, "beständige Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes"(4) als eine der zentralen Kategorien zur Kennzeichnung der Bedrohlichkeit des Naturzustandes anführt, um damit die Notwendigkeit (politischer) Zivilisierung des Menschen zu begründen/ so lehrt uns gerade das 20. Jahrhundert - und zwar gerade im sich der Aufklärung und des Fortschrittes rühmenden Kulturraum -, daß Kultur (also das Zivilisierende) einen nur sehr schwachen Schutz vor dem Rückfall in die Barbarei bietet, solange die gesellschaftlichen Bedingungen, die das Barbarische zeitigen, nicht aus der Welt geräumt sind, mithin die objektiven Ursachen für den Dauerzustand latenter Angst fortwähren. Daß dabei die reale Not: unsichtbar geworden ist, macht das Ideologische von Kultur aus: Sie wahrt den Schein einer allgemeinen Überwindung der Not, während der "gesellschaftliche Druck", der die Not - und zwar auch die unsäglichste Not unseres Zeitalters - potentiell vorantreibt, objektiv weiterlastet. Alexander Polzin hat sich diesem Problem in überragender künstlerischer Weise gestellt. Das Zentralwerk seiner Ausstellung "Zeitalter der Angst" bietet sich uns als bildgewordene Dichtung dar. Zwar geht Polzin bei seiner Arbeit erklärtermaßen von Audens Poem aus, entzieht sich dabei jedoch rigoros jeglicher illustrativer Attitüde. Wohl ist einem jeden der 99 Teile seines Bilder-Frieses ein bestimmtes Fragment aus Audens Poem zugeordnet, und die Fragmentierung als solche gehorcht sehr wohl der strengen inneren Logik des Audenschen Gedichtes, und dennoch bewahrt der Fries seine "Autonomie": Es bedarf beim Betrachten der bildnerischen Gestaltung nicht notwendig der Textkenntnis, um Wesen und Gehalt des "Zeitalters der Angst" zu erfahren. Und dennoch sind Parallelen unverkennbar. Analog zur Latent der Angst und ihrer Vielschichtigkeit in Audens Poem ist ihre Präsenz in Polzins Fries durch Verwendung der Gestaltungsmittel und Anordnung des Materials aller visueller Klischees und vorgegebener Sehgewohnheiten enthoben: Weder haben wir es mit dunklem Bildern zu tun - sie sind zumeist in hellen Tönen gehalten -, noch werden stereotype kalte Farben herangezogen; die Farbpalette bewegt sich eher im Bereich warmer Valeurs. Nicht nur wird dabei in Bild umgesetzt, was schon Romantiker wie Schumann und Brahms für die Musik erkannt haben - daß Dur und Moll mitnichten auf "freudig" und "traurig" dichotomisch fixierbar sind -, sondern es entsteht eine Spannung zwischen dem wie immer gegenständlich oder abstrakt begriffenen "Motiv" des jeweiligen Bildes und seiner gestalterischen Formung. Es ist nun diese Spannung, die beunruhig;! - und zwar nicht im Sinne eines theatralischen, wirkungsheischenden Konträren, sondern gerade in der nicht offen deklarierten, eher dezent gehaltenen "Unverträglichkeit" von einnehmender Bildschönheu und angedeuteter, im Material des Bildes abgelagerter Bedrohlichkeit. Der Begriff der Ablagerung ist wörtlich zu nehmen. Polzins Bilder sind - technisch betrachtet - ein gewaltiges Werk physischer Sedimentierung von Material, Lagen über Lagen von Farben werden in aufwendiger, monate-, ja jahrelanger Arbeit übereinandergelegt, sodaß eine massive Schicht verdeckter Farbtöne entsteht, die nun aber durch eine eigens hierfür entwickelte Abschab-, Kratz- und "Schaufel"- Technik fragmentarisch aufgerissen und teils lapidar, teils behutsam komponiert an die Bildoberflache befördert werden, Die dabei nach und nach zustandekommende schillernde Farbmosaik ist also kein Produkt zweidimensional aneindergefügter Valeurs, sondern Resultat eines in der (physischen) Tiefe des Materials vollzogenen Ausgrabungswerks. Daß hierbei Verdecktes - "Verschüttetes" - entborgen wird, läßt den Akt physisch-materieller Lichtung mit dem psychischer Erinnerung assoziieren: Was aus der subkutanen, unsichtbar fortwesenden, der Oberflächenschau verhüllten Existenz hervorgeholt, gleichsam zu neuem Leben erweckt wird, ist ein bereits Dagewesenes, historisch Verschüttetes, Man ist unwillkürlich an Walter Benjamms Engel der Geschichte erinnert - jenen Angelus Novus, der mit aufgerissenen Augen und offenem Mund seinen Antlitz der sich ihm als eine »einzige Katastrophe" und ein bis zum Himmel wachsender "Trümmerhaufen" darstellenden Vergangenheit zuwendet, jenen Geschichtsseher, der "die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen" möchte." dabei allerdings nichts mehr vermag, nur noch auf die "anamnetische Kraft der lebenden Generation" bauen kann.« Diesen einen Anspruch freilich, den Anspruch der Erinnerung durch die nachkommenden Generationen, dürfen die Toten erheben. Nur so kann ihr Gewesenes vor Vergessenheit, vor der geschichtlichen "Verschüttung" durchs Nachmalige gewahrt werden. Man pflegt - in der jüdischen Tradition zumal - den Akt historischer Erinnerung als "Rettung" zu deuten. Das ist wohl im allertrivialsten Sinne wahr: konkrete Erinnerung bewahrt vor anonymisierender Annihilation. Zugleich schlagt sich aber in nämlicher Erinnerung ein Moment der Angst - das, was! den Geschichtsengel den Mund öffnen und die Augen aufreißen läßt - nieder. Denn wenn sich Geschichte der Erinnerung vor allem als katastrophischer Trümmerhaufen darbietet, dann manifestiert sich in dieser auch das Bewußtsein von den Grundverhältnissen zivilisatorischen Fortschritts, eben das Wissen um den menschheitlichen Preis fürs geschichtliche Fortschreiten: die in den gehäuften Zivilisationstrürnmern versammelten Opfer von Not, Gewalt und des steten Kampfes um ein besseres Leben, sowie die quälende Ahnung von der fortwährend drohenden Gefahr eines möglichen Rückfalls in die Barbarei. Der Erinnerungsakt hat auch eine zeitliche Dimension. Gemeint ist hierbei nicht nur das, was .Benjamin als die "Erweckung eines noch nicht bewußten Wissens vom Gewesenen" bezeichnet, sondern zugleich (wiederum in der Paraphrase Benjamins), daß der Zeitkern an der Geschichte sich nicht als "eigentlich geschehender, in der realen Zeitdimension sich erstreckender" fassen lasse, sondern "wo Entwicklung einen Augenblick lang einsteht".(7) Etwas von dieser Vorstellung hat sich in der von Alexander Polzin gewählten Fries-Form niedergeschlagen. Zwar sind alle 99 Teile seines Werkes "Zeitalter der Angst" durchnummeriert, die einzelnen Nummern gar als Gestaltungselemente in das jeweilige Teil voll integriert, und dennoch ist diese gleichteilige Abfolge nicht als gleichmäßige diachronische "Lese"reihe zu verstehen, sondern, wenn schon, als (freilich unausgesprochene) Einladung zur individuellen Durchbrechung derselben. Den kalendarischen Aspekt seines Werks begreift Polzin demgemäß nicht als zyklische Wiederkehr eines regelmäßigen Jahresturnus - es sind eben 99 Teile, nicht 365 -, sondern als Konstellation, in welcher "Gewesenes und Jetzt "blitzhaft" [...]: zusammentreten; wo "im Jetzt der Erkennbarkeit" das Bild des Gewesenen "aufblitzt"".(8) Eine solche Konstellation kann sich ihrem Wesen nach nicht in vorgeplanten, gleichmäßigen Intervallen einstellen: Zwar ist sie einem jeden einzelnen Bild potentiell eingeschrieben, jedoch stellt sie sich mitnichten bei jedem Bild ein. Dem Betrachtendes Frieses bietet sich jedes Teil einzeln zur Versenkung an; nicht wissen kann er/sie indes, wo und wann das "Jetzt der Erkennbarkeit" aufblitzen mag. Das will wohlverstanden sein: In ihrer vom Künstler intendierten Anordnung stellen die separaten Bilder integrale Teile eines Ganzen dar; demgemäß erschließt sich ihr spezifisch-objektiver Stellenwert nur im Gesamtzusammenhang. Andererseits ergibt sich der Gesamtzusammenhang schwerlich aus der Addition akkumulierter Einzeleindrücke; er scheint vielmehr, wenn überhaupt erfaßbar, in den kontingenten Momenten der Konstellation monadenhaft auf. Die kontemplative Hingegebenheit ans Detail ist, so besehen, Voraussetzung einer dichten Erfahrung des Ganzen.
Denkbar, daß die Ausstellung durch eine musikalische Dimension ergänzt würde.(9) Man hätte es dann mit einem "kleinen" Gesamtkunstwerk zu tun: Text-, Bild- und Tonkunst in einem vereint. Dem Sujet - Angst als Palimpsest eines Zeitalters oder gar als gesamtzivilisatorisches Leitmotiv - stünde es gewiß an. Zu fragen wäre freilich, ob das gegenseitige Verweisen der Kunstmedien aufeinander sie bei solcher Vermengung eventuell ihres autonomen Ausdrucks berauben wurde. Keine leicht zu beantwortende Frage, wie man schon von den deutschen Kulturdebatten des 19, Jahrhunderts über die Möglichkeit einer Vereinigung der Künste weiß.(10) Alexander Polzins Werk stützt sich auf Audens Poem; es ist aber darauf nicht angewiesen. Die Textkenntnis fordert gewiß den Einstieg in den monumentalen Bilder-Fries; gleichwohl ist sie keineswegs unabkömmlich. Es ist eine große schöpferische Leistung Polzins, daß er bei aller -erklärter, ja mitausgestellter Referenz zum Text - die Autonomie seines Mediums vollends gewahrt hat. Die 99teilige Bildfolge lädt zur kontemplativen Durchdringung ein. Mit oder ohne Audens Poem läßt sich hierbei, wenn sich denn das "Jetzt der Erkennbarkeit" einstellen sollte, etwas Tiefes über das Wesen unseres Zeitalters der Angst erfahren.



Anmerkungen

1. "... through the medium of Mr Auden's mind". Vgl, Alan ROSS, Third Avenue Acolgue (23. Oktober, 1948), in: John Gross (Hrsg.), A TLS Companion: The Modern Movement, London 1992, S. 137.
2. Ebd.
3. Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M 1971, S,88.
4. Thomas Hobbes, Leviothan, Frankfurt/M - Berlin - Wien 1976, S.96,
5. Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1.2, Frankfurt/M 1991, S.697f.
6. Jürgen Habermas, Grenzen des Neohistorismus, in: ders., Die nachholende Revolution, Frankfurt/M 1990, S, 155.
7. Rolf Tiedemann, Einleitung des Herausgebers, in: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. V.l (Das Passagen-Werk), Frankfurt/M 1991, S.22, 34.
8. Ebd., S.37.
9. Für die Eröffnung der Ausstellung war in der Tat eine solche geplant, was aber dann aus technischen Gründen nicht zustande kam.
10. Vgl, hierzu: Der Hang zum Gesamtkunstwerk, Aarau und Frankfurt/M 1983.



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