Moshe Zuckermann
Eröffnungsrede
Guten Abend, meine Damen und Herren.
Es scheint, als könne es kein besseres Datum für die Eröffnung dieser Ausstellung geben, als der heutige Abend. Wie mir Alexander vorhin mitteilte, wird heute W.H. Audens 100. Geburtstag begangen. Und da Alexanders Kunstwerk, das hier ausgestellt ist, auf Audens gewaltiges Poem "The Age of Anxiety" basiert, darf die Ausstellung auch als eine - wie immer kontingent sich ergebende - Befeierung dieses Tages angesehen werden.
Betrachten wir nun den Titel des Poems - "Zeitalter der Angst" -, so darf behauptet werden, daß nomen insofern omen sei, als der Text zu einer Zeit verfaßt wurde, als die der modernen Zivilisation inhärierende Angst mit dem Zweiten Weltkrieg einen ihrer Höhe- bzw. Tiefpunkte erlangt hatte. Das Poem "Zeitalter der Angst" entstand, wenn man will, im Zeitalter ultimativer Angst. Aber - und das ist ein großes Aber - liest man Audens Werk sorgfältig, stellt sich heraus, daß es sich nicht dezidiert auf die Schrecknisse des monströsen Krieges bezieht, nicht auf das, was seinem Wesen nach als Ausnahmezustand begriffen werden muß. Vielmehr handelt es sich bei ihm um die Vermengung des Erhabenen mit dem Profanen, der einfachsten Dinge mit dem Horrendesten. Und gerade darin scheint es mir ein Poem der Moderne zu sein. Angst meint im Hinblick darauf nicht nur das katatstrophische Grauen des 20. Jahrhunderts: zwei Weltkriege, Auschwitz, unvorstellbare Zerstörungsexzesse. Gemeint ist auch, was in den Bildern dieser Ausstellung so suggestiv reflektiert ist: Daß nämlich die Kälte, die das sogenannte normale Alltagsleben der Moderne bestimmt, auch ohne Weltkriege und ohne Auschwitz ein Grauen ist, eben das normale Leben im Zeitalter der Angst. Das hat mit etwas zu tun, das wir nicht allzu oft zu reflektieren pflegen, namentlich mit dem uneiungelösten Versprechen, das der Aufklärung von Anbeginn innwohnte: Die Aufklärung verhieß Fortschritt, menschliche Emanzipation, sie verhieß Reichtum für alle und die Erfüllung der Vision des Menschen als befreites Gattungswesen. Nun entfaltete aber die Aufklärung aus sich heraus, kraft der ihr eigenen Logik, die Apparate und Institutionen, die Technologie und die politischen Praktiken, welche ihre Ideale ins Gegenteil umschlagen, mithin die Aufklärung selbst ins Repressive entarten ließen. Zeitalter der Angst bedeutete nicht zuletzt, daß sich die Aufklärung als Grauen erweisen konnte, und zwar aus immanenten Gründen, Gründe, die die Schrecknisse der Moderne in die Welt gebracht haben.
Walter Benjamin hat diese Einsicht schauerlich beredt werden lassen. In der neuten seiner Thesen über den Begriff der Geschichte beschreibt er den Engel der Geschichte - Angelus Novus -, eine Gestalt, die auf eine Zeichnung Paul Klees basiert. Der Engel erschaut etwas mit großem Entsetzen. Es ist die Geschichte, auf die er schaut, sagt Benjamin, eine Geschichte, die sich für ihn als eine Folge fortwährender Katastrophen ausnimmt. Die horrenden Resultate dieser Katatstrophengeschichte, die Zerstörungen und Verwüstungen menschlicher Zivilisation, türmen sich als ständig anwachsender Trümmerhaufen zum Himmel hinauf. Der Engel will das Zertrümmerte aneinanderkitten, das Zerstörte wieder herrichten, die Erinnerung ans menschliche Leid bewahren, aber es ist ihm nicht möglich - der Fortschritt weht in seine Flügel, trägt ihn in die Zukunft, während er schreckenserfaßt auf die Vergangenheit nur noch zurückblicken kann. Die implizite Botschaft Benjamins postuliert, daß die Erinnerung vergangenen Geschehens, das Eingedenken, Wesen und Voraussetzung der Rettung allen vergangenen menschlichen Leids sei.
Betrachtet man nun Alexanders Bilder in dieser Ausstellung, erweist sich, daß ihnen etwas eignet, das Benjamin seinem Geschichtsengel beimißt. Alexander legt in seinen Gemälden Schicht auf Schicht in einer Weise, die das Unterliegende zwar verdeckt, aber nur so, daß es - fragmentarisch, als rissiges Stückwerk - dennoch durchscheint ("aufblitzt", ließe sich mit Benjamin sagen). Bei dieser Sedimentierung von Vergangenem (oder auch von Unter-den-Trümmern-Liegendem) haben wir es also nicht nur mit einer physischen Schichtenbildung im Bild zu tun, sondern auch mit der "Geschichte" der Entstehung dieser Schichten, die uns die Reflexion aufzwingt, was es eigentlich sei, das wir erblicken. Auf jedem der Bilder sehen wir ein zentrales Image, das sich auf eines der Verse des Audenschen Poems bezieht. Beim genaueren Hinschauen stellt man allerdings fest, daß das Bild mehr enthält, mithin einiges mehr zu erzählen hat, als das zentrale Image, wie etwa der Wolf hier oder die Rose dort, zunächst suggeriert. Wir werden durchs Kunstwerk gleichsam aufgefordert, eine Dekodierung vorzunehmen und in dieser ein Art Erinnerungsakt zu vollführen, ein eingedenkendes Versenken ins Kunstwerk, durch das wir zur Beschauungssubjekte der Geschichte werden, die im Akt des Schauens das menschliche Leiden erinnernd der Vergessenheit entreißen und dem Bewußtsein der katatstrophischen Geschichte einer nicht erlösten Menschheit zuführen, ganz im Benjaminschen (und letztlich auch im Audenschen) Sinne. Man könnte, so betrachtet, die Menschheitsgeschichte insgesamt als ein fortwährendes Zeitalter der Angst begreifen, als eine Zivilisationsgeschichte, die sich immer noch nicht von den permanenten Angstwirklichkeit des Hobbes'schen Naturzustandes zu befreien verstanden hat. Befreit wäre, Benjamin zufolge, eine Menschheit, die sich eines jeden Details menschlicher Leiderfahrung in der Geschichte zu erinnern vermöchte, eine humane Universalverfassung, die mit der Rettung des leidenden Menschen vor dem Fluch anonymisierenden Vergessens eine Art Emanzipation für die Zukunft garantieren würde. Das meinte Benjamin, das wird Auden im Sinne gehabt und das muß auch Alexander Polzin in seinem gewaltigen Werk "Zeitalter der Angst" gewollt haben.