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Norbert Banik
DARWIN WINDOWS
für Alexander

Jugendstil-Ornament und Bauhaus-Proportion. Prächtiger Farbkreis des Fächers eines männlichen Pfaus. Furchterregende Phalanx der Zähne des Wolfes. Auge in Auge mit der Gefahr und schon wieder gebannt von der Schönheit eines balzenden Gesangs. Gestützt auf welche Kräfte schreiten wir aus? Ist eine Wirklichkeit von Nöten? Weshalb unsere Existenz sich erhielt, entwickelte? Vielleicht nur in dieser Hinsicht: der Form. Und wenn sie ohne Wert wäre - nicht einfach wertlos? Der Mensch trat auf, einem Trieb und dem Ungefähren folgend und entdeckte nur mit Hilfe der Zeit, beinahe der Unendlichkeit, das Schöne. Ranken sprühen -, Es ist alles noch da, nichts ging verloren. Es ist in den Bildern.

Heute erreicht mich die Nachricht, es sei tatsächlich nur die punktuelle Mutation, die die Kaumuskulatur schrumpfen ließ, verantwortlich dafür zu machen, daß der Affenschädel nachgab, den Raum zuließ, den ein schließlich menschliches Gehirn forderte. Mit all seinen Folgen. Dann war es doch nicht der aufrechte Gang! - Erst kommt das Fressen und dann die Moral. In dieser Lesart eine wirkliche Abfolge, ein Phänomen der Zeit. Wer im Traum mit den Zähnen knirscht, wäre dann nur näher bei seinen Vorfahren. FEAR x RAGE. Das Produkt spannt eine Fläche, hält die Elemente einer Matrix. In uns fallen sie in eins. Das Tier macht uns Angst, vor allem das Tier in uns. Aber das Tier hat Angst.

Nachts, der wärmende Blick von der Straße, bei kaltem Wind, in das spärlich erleuchtete Fenster, hinter dem Schemenhaftes sich tut... Wie kann man von etwas träumen, das einen nicht schlafen läßt? So fragt uns der Werbetext für ein Automobil. Er hält uns in seiner ausgeklügelten Ambivalenz aus Sinn und Unsinn genau so lange, bis das Plakat hinweggespült wird, egalisiert von einer neuen, einer anderen Zumutung. Ein Zeitphänomen, eine Posse: Aufzug - Szene - Alle ab. Kein Beifall.

Wir bewundern den Wunderblock, das Palimpsest, als Modell für unseren Geist, die Erinnerung. Thomas de Quincey war es, der zuerst den Vergleich beschrieb, der über den Zwang der Verwendung des knappen Schreib-Materials den Ablauf rekonstruierte. An Todeserfahrungen, am Delirium des Opium-Eaters wies er uns die tieferen Schichten an, die nie gelöscht sind, die Oberfläche immer nur die jüngste Erfahrung. Das Sediment, Schichten des Gletschers, Polareis - zu unrecht ewiges Eis genannt, wie wir heute einsehen müssen. Charles Baudelaire, aus gleicher Erfahrung des Taumels, schreibt vermutlich davon ab. 25 Jahre reichen auch 1860 um von einem Buch zu erfahren. Er hat es sicher gekannt: Suspiria de Profundis. Später, im jüngst vergangenen Jahrhundert, geprägt durch die Realisation, die Technik, erklärt Sigmund Freud die Psyche anhand einer Maschine, eben jenem Wunderblock. Das Vorbild hat es tatsächlich gegeben In dieser Bauform kenne ich es noch aus meinen Kindertagen. Die Zeitgenossen mit dem Palm und dem Griffel in der Hand erinnern mich immer wieder daran. - Die Bilder von Alexander Polzin haben alle drei nicht gekannt.

Was Darwin uns zeigt, wenn wir hinter die bekannte, plattere Oberfläche seiner Lehre sehen, ist eine herrliche Rechtfertigung des Nicht-Nützlichen, des im allgemeinen Hinderlichen, des Gefährlichen, ja Lebensgefährlichen. Des lebensgefährlich Schönen. Das dadurch die Art erhält, die Existenz verlängert, zumindest rein zeitlich voranbringt... und schöner werden läßt. Das Tier mit dem schönen Ornament, der schillernden Farbe, dem monströsen Geweih, der Mähne sieht sich bevorzugt in der Fortpflanzung. Zunächst ist ein Wesen schön. Wenn eines schöner ist, wird es vom anderen erwählt. Dies’ Merkmal macht es aber auch angreifbar, schwerfälliger. Wer Schön ist, muß schnell sein. Ein Zeitphänomen... Je schöner du bist, desto sicherer bist du das Objekt der Begierde. So bleibt das Schöne erhalten. Ich vergesse nicht, dass Kunst nicht Natur ist. Doch sind die Parallelen aus der Selektionsgeschichte vielfältig und bedenkenswert. Ich erkenne an, dass die Schönheit in der Natur geschaffen ist aus dieser Polarität: Exzentrik und Gefahr. Das moderne Verdikt der Nutzlosigkeit trägt die Kunst jedoch mit Bravour und ungebeugt. Millionen von Jahren war der Nutzen des Kunst-Schönen niemandes Thema und es war sehr gut.

Der Artist blickt dahinter, der Maler schenkt uns den Blick, der auf das Fenster verweist und in dessen Tiefen schaut. Er schabt sich hindurch, nicht unbedingt hinab. Schichten und Gewebe, Fasern und Muskeln - und zeigt den Bau, das Tableau der Schichten, das er in Jahren vorausschauend angelegt. Den wunderbaren Wunderblock. Eingefroren in willkommenem Moment. Deshalb auch oft der Bilder-Zyklus, die Serie, die Matrix: verschiedene solcher Momente offenbarend. Blicke in die Welt des Innen. Schnitte durch den Gletscher der Erinnerung, konserviert für das Auge, Stütze für den Geist. Gruften Spiegel Jungbrunnen. Darwin Windows.