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Prof. Hans Belting über Alexander Polzin

Alexander Polzin zu charakterisieren, bedeutet, über einen Künstler neuen Typs zu schreiben (vielleicht gehört er gar keinem Typ an). Ich kann mir nur vage vorstellen, wie es gewesen sein mag, dicht an der Mauer aufzuwachsen, hinter welcher der Westen lag, ganz nah und unerreichbar ferne. Dann fiel die Mauer, aber die Welt war dadurch nicht verständlicher geworden. Reisen waren jetzt möglich, doch wurde es umso schwieriger, noch Orte zu finden, an denen man ankommen konnte. Der Versuch, eine Ausbildung zu beginnen, zerschlug sich nicht nur durch äußere, sondern auch durch innere Widerstände. Was nützt es, sich ausbilden zu lassen, wenn man sich einer Richtung anschließen sollte? Technische Kenntnisse vermittelte die Lehre bei einem alten Bildhauer, der bald nichts mehr zu lehren hatte. Überhaupt lag das Problem nicht bei der eigenen Kunst. Polzin suchte und fand bald erstaunliche Gesprächspartner, weil er erstaunliche Fragen stellte und seine Werke wie Stellvertreter anbot. Doch repräsentierte alleine Heiner Müller, solange er lebte (ich nenne ihn wider Polzins Verbot, von ganz persönlichen Begegnungen zu berichten), eine geistige Welt, die rasch zur Erinnerung wurde. Wo sich in der Gegenwart keine Türen öffneten, öffneten sie sich in der Geschichte. So richtete sich der junge Leser in einer inneren Welt ein, die sich in den Titeln seiner Bilder und Skulpturen andeutet, ohne daß er Anekdoten erzählt oder literarische Themen illustriert. Solche Titel klingen wie Beschwörungen, die sich nicht an den Betrachter, sondern an unsichtbare Adressaten wenden.

Die kleine Büste von Heiner Müller, die jetzt im Foyer des Einstein-Forums zu sehen ist (übrigens so, daß man erst zu ihr aufschauen und dann von der Treppe auf sie hinunter schauen muß), ist nicht als Auftrag entstanden. Sie stellt die ungewöhnlichste Hommage eines Zwanzigjährigen dar, der ein subtiles Bekenntnis ablegt. Die graphischen Blätter, die in dieser Ausstellung zu sehen sind, führen die Ahnensuche fort. Die Werke, die dabei zustande kommen, sind Ausdruck eines Dialoges, bei dem der Betrachter nur als Zuschauer zugelassen ist. Die Introversion steigert sich in den Gemälden, die Schicht für Schicht angelegt und wieder abgetragen werden, als wollte der Künstler nach dem Versteck der Realität graben und doch die Realität nicht blanklegen. Sichtbares und Unsichtbares verweisen aufeinander. Der Ernst, der in diesem kaum angefangenen CEuvre sichtbar wird, wirkt bestürzend altmodisch, weil er das Spielerische abweist und die eigene Identität (darf man von einer deutschen Identität sprechen?) zum Thema hat.

Prof. Hans Belting