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Prof. Dr. Jochen Boberg
Direktor des Museumspädagogischen Dienstes, Berlin

Begrüssungsrede
anlässlich der Vernissage von
Alexander Polzin am Collegium Helveticum

Alexander Polzin hat mich heute mittag schon sehr verblüfft. Als er gebeten wurde, den Stipendiaten diese Ausstellung zu zeigen, sagte er: "Ich muss sie euch nicht zeigen. Schaut sie euch selber an - und schliesslich bin ich als Zeuge meiner eigenen Arbeit immer noch vorhanden". Damit hat er gesagt, überflüssig sei es, Einführungen zu geben, und er hat im Grunde recht. Denn in einer Zeit als Kopf und Bauch oder Kopf und Herz - je nach dem wie sie veranlagt sind - noch zusammenkamen, wäre es unsinnig gewesen, Worte zwischen Kunst und den die Kunst Wahrnehmenden zu stellen. Da wir aber inzwischen in einer Zeit leben, wo uns die Bilder von innen in die Augen projeziert werden und wir auch die Töne von innen an die Trommelfelle gedonnert bekommen, - lassen Sie es mich so sagen: Wir also blind sehen und taub hören - scheint es notwendig zu sein, Türen aufzumachen, damit Ihre eigenen Augen wieder in diesem Zusammenhang funktionieren. Deswegen habe ich den Mut, Sie trotzdem aufzufordern, mit ein paar Hinweisen, ein paar kaleidoskopartigen Versuchen dem nahe zu kommen, was Alexander Polzin ist.
Der Ort an dem das Ganze hier stattfindet ist für mich ein angenehmer. Michel Butor hat vor vielen, vielen Jahren, ich glaube vor 25 Jahren schon gesagt, es langweile ihn unglaublich, in die internationalen Galerien zu gehen, denn er wisse da nicht mehr ob er in Tokyo, New York, Paris oder Gott weiss wo sei, die Gleichtönigkeit der Kunst, die Normierung der Innovation würde ihn dermassen langweilen, dass er kein solches Haus mehr beträte. Ganz im Widerspruch dazu steht das, was wir hier erleben. Ich habe von Ihnen erfahren, dass diese Ost-West Ausrichtung dieses Gebäudes ordentlich ist, aber unordentlich wird durch das Unordentliche der Moderne drumherum, d.h. hier ist eine Brechung drin, eine Verortung eigentlich, die aber nicht mehr sichtbar ist, weil die Moderne es überwuchert hat. Ein solch unordentlicher Ort ist, glaube ich, der richtige Ort, um Kunst noch einmal wieder ins Auge zu bekommen.
Eine weitere Überlegung ist - und sie merken, weil das durchaus dann Belehrung sein könnte, eine sehr zögerliche -: Wir haben einen Begriff von Kunst gebildet, der eigentlich für mich der Uneigentümlichste ist, den ich kenne. Wir bezeichnen mit Kunst die Höhlenmalereien von Lascaux, wir bezeichnen mit Kunst die Kathedralen in Frankreich, wir bezeichnen mit Kunst den Strohhalm, der von der Minimal Art an die Wand gehängt wurde, wir bezeichnen mit Kunst eine so unglaubliche Vielfalt von Erscheinungsformen (architektonischen, bildnerischen, gemalten), dass diesem Begriff jede Genauigkeit abgeht. Also im Gegenstandsbereich hat der Begriff Kunst keine Relation zu irgendetwas. Kunst muss also etwas anderes sein als etwas, das ein Gegenstandsfeld beschreibt; und da komme ich zurück auf die ersten Worte, Kunst muss etwas sein, das sich zwischen mir und dem was Kunst heisst, bilden kann. Ich könnte Ihnen jetzt den Vorschlag machen, Ihnen Bilder zu erklären, meine Sprache zu diesen Bildern anzubieten Dann würden Sie unter Umständen den Worten, die ich spreche, zuhören, und Ihre Augen mit meiner Sprache verklebt bekommen. Das wäre schwierig, das zu tun. Also machen wir einen anderen Versuch: Ich gebe eine Dimension an, für die Art, wie Alexander Polzin Kunst macht, von der ich annehme, dass Sie sich ihr annähern können. Sie stellen - wenn Sie hier rumschauen - fest, dass Alexander Polzins Malereien und auch die Skulpturen, die Sie sehen, nicht innovativ und modern sind. Können Sie diesem Gedanken zustimmen? Wenn Sie nebenan rausschauen und diese Neondinge sehen, haben Sie etwas Innovatives. Vor kurzem habe ich einen Kommentar gehört, wir hätten ein Jahrhundert der Innovation hinter uns, im Anfang unseres Jahrhunderts sei sie noch interessant gewesen, seit etwa siebzig Jahren würde sie sich mit sich selbst überwerfen. Insofern ist Alexander Polzin - weil er weder modern noch innovativ ist - ein sehr innovativer und sehr moderner Künstler. Wenn Sie diese Drehung mitmachen, würde mir das sehr gefallen. Das heisst alle Sprachformen, die zu den Ausstellungen, sagen wir der Documenta, der Biennale in Venedig usw. bisher gefunden wurden, können wir heute weder als Kunstkritiker noch als Kunsthistoriker auf Alexander Polzin anwenden. Wir müssen also in eine Zeitdimension hineingehen. Und diese Zeitdimension, in die wir hineingehen müssen, ist nicht eine, die wir künstlich auftragen, sondern sobald Sie die Bilder Alexander Polzins anschauen, sind Sie in diesen Bildern notwendig vorhanden. Das da hinter mir, die beiden dort.
Sie sehen das selbst da, wo er malt, und Sie kennen vielleicht Van Eyck, diese ganz glatten, flachen, mit ganz wenig Material besetzten Bilder, die eine ganze Welt aussagen. Alexander Polzin trägt offenbar Schicht auf Schicht, mit ungeheurer Mühe, mit ungeheurem Zeitaufwand, mit Trockenzeiten um es technisch zu sagen, er schafft Reliefs, und gibt damit - und das scheint ein Zwang bei ihm zu sein - eine unglaubliche Zeitdimension in die Bilder hinein. Es liegt Schicht auf Schicht, es liegt Erinnerung auf Erinnerung, es liegt Zeit auf Zeit. Das können Sie mir jetzt glauben, aber es wäre eine Behauptung - ich könnte auch sagen, dass er in irgendeinem farbigen Element sich so ausdrücken würde; Sie müssten es überprüfen.
Dann komme ich zu einem weiteren Punkt: Es gibt viele Bilder, bei denen das Urteil relativ schnell möglich ist. Sie schauen hin und wissen, worum es geht, oder meinen zu wissen, worum es geht. Die wahre Kunst verbirgt sich diesem schnellen Blick. Wenn Sie die Bilder sehen wollen, als die, die ich sie bezeichnet habe, als innovativ, als uns betreffend, mir auf den Leib geschrieben, mich angehend, dann müssen Sie Arbeit aufwenden und Zeit. Ich hatte dieses Triptychon von Karthago eine Zeitlang bei mir stehen und habe erst eine gelbe Farbe und einen hochnoblen Rahmen fast aus dem Holz, das wir hier finden, gesehen und bin über diese Leichtigkeit des Scheins zunächst hinweggegangen. Am nächsten Morgen bin ich wieder vor diesem Bild gestanden und habe die ersten Strukturen entdeckt. Über Wochen hin habe ich immer wieder damit arbeiten können, und schliesslich ist ein Bild daraus entstanden. Ich weiss nicht, ob Sie wissen, was ich meine, wenn ich sage 'Bild'. Ich gebe einen kleinen Hinweis: In der Bibel steht: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, und man darf sagen, der Mensch schafft in der Kunst nach seinem Bilde. Das heisst der Mensch bildet sich und die Welt ab, indem er bildnerisch tätig wird, das kann unsere eigene Phantasie sein, das können unsere Gedanken sein, das können Gedichte sein, das können Kompositionen sein, das können gemalte Bilder, das können skulpturierte Bilder sein, das können Architekturen sein. Aber in dieser Nähe steht der Bildgedanke zu uns selbst, zu unseren eigenen existentiellen Bedingungen. Und was bei Alexander Polzin der Fall ist: je länger die Bilder dort sind, desto mehr werden sie in diesem Sinne Bild. Sie werden immer mehr Ihr Eigentum, sie treten ins Verhältnis zu Ihnen. Sie haben eine körperliche Verhältnismässigkeit zu Ihnen. Das Bild hat einen - wie Hetze es nannte - Leib. Das was er über Tizian sagte - ich stehe nicht an, jetzt den jungen Alexander Polzin mit dem alten Tizian zu vergleichen - aber das, was Hetzer mit Bildleib bei Tizian meint, dass es atmet, dass es in die Tiefe der Zeit geht, dass es Widersprüche und Annäherung ermöglicht, das ist in seinen Bildern drin. Das unterscheidet ihn von Pseudo-Innovativen, von Pseudo-Modernen, vom Nichtzutreffenden, von der scheinbaren Kunst, von der virtuellen Kunst. Aber das kann ich Ihnen nur anbieten, erfahren müssen Sie es selbst.
Ich will vielleicht noch einen kleinen Exkurs machen hinüber zu dem neu eröffneten Kuppelgebäude, wo eine ganz eigentümliche Darstellung von Bildern da ist. Sie werden dort ins Bild gesetzte Präparate finden. Das ist eine ganz eigentümliche Sache. Wenn wir das hören, werden wir zunächst einmal erschrecken. Das ist auch richtig, wenn man Föten, Missgeburten und ähnliches, die im Alkohol und ähnlichen Essenzen aufbewahrt wurden und aus der Charite stammen, als Gegenstand eines Kunstwerkes annimmt, hat man zunächst einen Schrecken. Ich sage Ihnen dazu, mich interessiert überhaupt nicht, ob der kleine Alexander seiner Mutter beim Präparieren dieser Föten zugeschaut hat, und daher eine Intuition hätte. Mich interessiert auch nicht, dass es dort in der Charite diese Dinge abgemalt hat, weil das, was er uns dort anbietet, in einer sehr dichten, sehr kakophonen Reihung (das ist die Aufhängung, nicht die Bilder selbst) etwas ganz anderes ist. Es ist nicht das Abbild, oder sagen wir mal die technische Reproduzierung von etwas anderem, das abgemalt wäre, sondern es ist die Versetzung in das Bild einer Idee, die er von dort empfangen hat. Er denkt da über Leben nach und jene Leiblichkeit, die wir alle erfahren, und er setzt das, was wir normalerweise Missgeburten, Verbildung, ungeborenes Leben, Tod nennen, in ein Umfeld, und Sie werden es sehen, das einen gewissen omamentalen Charakter hat, das eine ganz andere Form von Leben im Schauen auf diese Bilder provoziert. Wenn ich Theologe wäre, würde ich sagen: Er überwindet durch diese Malerei den Schrecken dieses frühen Todes oder des ungeborenen, noch nicht geborenen Todes. Das wäre zuviel Theologie. Aber er gibt uns einen Anlass, über das Leben nachzudenken, der provoziert - an einem Gegenstand, der uns unheimlich an das Noch-nicht-einmal-Geborenwerden erinnert, provoziert er ein lebendiges Gegenüber. Und er tut es wiederum mit diesem Fakto der Zeit, mit dieser Körperlichkeit, die sich daran abbildet, die zunächst unheimlich wird, die aber dann ungeheuer versöhnlich wird, wenn Sie etwas länger hinschauen. Ich empfehle Ihnen gerade dieses. Und dann steht in der Mitte ein Engel, den werde ich nicht nochmal beschreiben, weil wir dazu einen wunderbaren Text haben, den ich gern gelesen habe, der sich auf den gefallenen Engel bezieht, der zwischen diesem Hauptgebäude und dem Kuppelgebäude liegt, aber durchaus auch übertragbar ist. Auf die Plastiken möchte ich Sie jedoch kurz hinweisen und einen Satz dazu sagen: was ich über die Zeitdimensionen in den Bildern sagte, finde ich auch in den Plastiken. Das Eigentümliche wäre: Wir kennen sehr viele Formen schöner Plastik, Körper, die uns das Auge schmeicheln, und die an ihrer Oberfläche sich selbst spiegeln und eine Schönheit haben, die den Begriff der Schönheit kaum verdient - eine Oberflächenschönheit ist. Die Figuren und Gestalten, Formungen, Köpfe, die Alexander Polzin macht, haben diese Schönheit nicht. Sie haben wiederum, wie bei allen anderen Dingen, eine zweite Schönheit. Sie werden sich nicht vergleichen können, Sie werden Ihr Gesicht nicht in dem Gesicht sehen, Ihren Körper in dem Körper sehen, aber Sie werden etwas über das Leibhaftige erfahren, das ihm Gewissheit über sich selbst gibt. Das wäre die höchste Leistung, die Kunst bieten kann. Aber auch da ist es wiederum nicht der schnelle Blick, der würde Sie enttäuschen, sondern die mühevolle Auseinandersetzung. Kunstfertigkeit ist mühevoll Gelerntes anzuwenden. Die Kunst erwartet im Gegenüber mit sich, wenn sie Kunst ist, jene Kunstferigkeit. Gut, ich will Sie nicht weiter provozieren an dieser Stelle, vielleicht ist es auch gar keine Provokation, ich möchte nicht anderes tun, als dass Sie bereit wären - und das wäre der Wunsch -, sich auf diesen Prozess der Auseinandersetzung mit wahrhaftigen Bildern einzulassen, und dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. Danke.