Prof. Dr. Jochen Boberg
Über die Meditierende Gruppe
Daß Wissenschaft und Kunst einen gemeinsamen Ursprung hätten, die Kunst gar vorlaufend sei,
menschheitsgeschichtlich gesehen, darauf einigen sich erneut immer mehr Wissende.
Wie nützlich die Kunst sein dürfe, darüber streiten sich dennoch die Geister, den Grundsatz damit
in Frage stellend. Die Kunst doch nur als später Kommentar?
Nun unternimmt die Humboldt-Universität den Versuch, mit ihren reichhaltigen Sammlungen ein "Theater
der Natur und Kunst" aufzuführen, in dem die Grenzen zerfließen, getragen von der jeweiligen
ästhetischen materiellen Qualität der Objekte. Alle Wissenschaften und Künste fänden sich hier im
gleichen Feld.
Wissenschaft und Kunst, Kunst und Natur: lässt sich aus dieser grammatischen Struktur ein Schluß gleich
einer mathematischen Formel ableiten? Zunächst bleibt diese Frage offen.
Zu der Macht des Historischen, des Gesammelten soll sich - eigenständig oder dienend? - Kunst von Heute
stellen. Ein junger Berliner Künstler, Alexander Polzin, ist mit anderen ausgewählt, diese Herausforderung
zu bestehen.
Alexander Polzin ist unzeitgemäßer Zeitgenosse. Getreu dem Satz des Kirchenvaters Augustinus, daß nichts
sinnloser sei als ein Bild, das sich selbst aussagt, macht er keine "autonome" Kunst, sondern
schafft Bilder, die die Welt, ihr Wissen, die Handelnden aussagen. Ihm gerät die Wahrheit wissenschaftlichen
Forschens zur ästhetischen Wahrheit über uns.
Präparate aus den Sammlungen der Charite sind Ausgangspunkt für den Zyklus "Meditierende Gruppe",
viermal Fleisch und viermal Knochen. Diese Objekte der Forschung, Föten, Organe, Skeletteile, Segmente des
Todes, setzt er in eine neue Substanz, überformt sie mit Zahlen und Schrift, gibt ihnen die Dimension neuen
Lebens. Ein eigentümlicher Auferstehungs-Ritus. Er stellt damit eine unausweichlich notwendige Frage von
überraschender Aktualität, eine moralische Frage an Wissenschaft und Forschung.
Durch die Formung, die Materialität macht er die leichtfertige Antwort des Schauderns und Erschreckens
unmöglich. Er verführt zur bewussten Wahrnehmung, höchstes Ziel jeder ästhetischen Argumentation.
Anders als ursprünglich entworfen - die Bronzeplastiken sollten in verschiedener Höhe auf einem Kreis stehen -,
hängen die Stücke in leichtem Bogen wie an Fleischerhaken, die organischen Teile kopfüber. Das ist erneut eine
Provokation im Wortsinn, eine Verschärfung möglicher Fragen an die erforschten Welten der Ausstellung
"theatrum naturae et artis" und damit höchst nützliche Kunst.