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Callas-Cassandra
Zu den singenden Ikonen von Alexander Polzin

Sie hat zahllose Bewunderer. Nach wie vor und überall, wo man Musik nicht als Geräusch im Hintergrund, sondern als Offenbarung von Jubel und Klage begreift. Eine Unerbittlichkeit der Mitteilung war ihr eigen, die nichts Vergleichbares hat. Darum ist die Callas die Diva assoluta geworden für jene, die sie auf der Bühne erlebten. Und für die Staunenden von heute, die eine CD auflegen, um eine Stimme zu vernehmen, die nie nur schön, dramatisch, kunstvoll und virtuos ist. Wenn die Callas singt, bricht Feuer aus. In der Innigkeit des Leisen und in der Wildheit des Lauten. Beide stossen uns an eine Grenze. Wer ihre Norma oder ihre Tosca im Ohr hat, weiss: unvermeidbarer kann keine Liebe sein, vernichtender keine Rache.
Es ist, als ob Alexander Polzin mit seinen sechs Callas-Ikonen dieser Grenzerfahrung künstlerisch Tribut zahlen müsse. Für den religiösen Menschen ist eine Ikone die stellvertretende Anwesenheit einer numinosen Gewalt. Für den Künstler ist sie Spielform im Umgang mit einer Erfahrung des Unvergleichlichen. Dass sie als Serie erscheint, belegt die Not, einer Grenzerfahrung einmalig Gestalt verleihen zu sollen. Es sind die gleichen Elemente, die in jedem Bild umspielt werden. Himmel, Erde, Meer, das Marmortor von Naxos, die Gestalt der Callas, ihre Halskette, der fehlende Mund. Es verändern sich Nuancen. Doch hat jedes Bild einen eigenen Ton, ein eigenes Leuchten, eine eigene Verzweiflung.
Das auf die sechs Bilder verteilte Gedicht von Thomas Brasch macht aus den Ikonen der Verehrung Votivtafeln einer Gefangenschaft. "You and l, Cassandra." Nicht nur Ariadne, auch Cassandra herrscht auf Naxos. Die Schwester der bösen Vorahnungen.
Die Callas ist verstummt. Doch um sie herum ist lodernder Gesang. Sie hat keinen Mund. Nun singen auf Naxos der Himmel, die Erde, das Meer.

Prof. IsoCamartin