Die steinerne Bestie hat kein Ohrläppchen mehr
Gestern endete eine sonderbare Reise von Sinai nach Pankow,
In der ehemaligen Produktionshalle ist es so kalt, daß auf dem Mosaikfußboden unter dem
undichten Dach die Pfützen zu Rutschbahnen gefroren sind. Nur ab und an tauschen mit
heftigem Flügelschlag zwei Tauben ihre Plätze unter dem Oberlicht. Am letzten Fenster
hängt ein mit schwarzem Staub verklebter Perlonstore aus den siebziger Jahren des
20. Jahrhunderts und markiert den Bereich, wo einst die Meisterbude vom restlichen
Raum durch Bretterwände abgetrennt war. In der Ecke klebt ein Werbekalender von
1988 - Bergmann-Borsig suchte Lehrlinge, vom Maschinenschlosser bis zur Sekretärin.
Ein Jahr zuvor hatte Alexander Polzin im Kulturhaus von Bergmann-Borsig, wenige Meter entfernt,
seine Jugendweihe erhalten. Das Gelände war eines der bestbewachtesten, die Mauer zog sich hinter
dem Werkszaun entlang. Polzin hätte nach der Schule hier als Rohrbieger oder Monteur von
bebo-sher-Rasierapparaten anfangen können, aber er ist Künstler geworden und hat auf dem heute
euphemistisch PankowPark benannten Gelände eine verrottete Werkhalle, Baujahr 1909, als Atelier
für seine Bildhauerarbeiten gemietet. Es gibt zwar keine Heizung, aber eine funktionierende
Laufkatze unter der Decke, ohne die es ihm nie gelungen wäre, Giordano Bruno auch nur einen
Meter zu bewegen. Giordano Bruno ist eine sieben Meter hohe weibliche Figur, deren Kopf in die
Erde gerammt ist. Im Moment ist sie allerdings eine sieben Meter lange Figur, verpackt in eine
Preßspankiste, in der sie ihren Weg nach Nola antreten wird, um im Rathaus der Geburtsstadt
Giordano Brunos ihren Platz zu finden. Durch die Folie schimmert ein Knie, dessen Holzmaserung
an Muskeln erinnert.
Die zweite Figur im Raum, der Stein-Händler, lehnt wie ein Wächter im Untergeschoß, von starken
Seilen gehalten, damit er nicht wieder verschwindet oder über die eigenen Beine stolpert. Das
Untergeschoß der Halle wäre der geeignete Ort für die Verfilmung von Alpträumen. In den Waschräumen
der Arbeiter tropfen die Wasserhähne seit 12 Jahren, eine Tür zu einem dunklen Verlies stößt Polzin nur
auf, um sie gleich wieder zu schließen. Die einzige Gewißheit, daß in den Spinden keine Leichen kauern,
ist die Abwesenheit von Verwesungsgeruch.
Der Stein-Händler sollte hier eigentlich gar nicht stehen. Er hat eine lange Reise hinter sich.
Es ist eine widersprüchliche Geschichte mit vielen Nebensträngen, die im Vorgarten des einstigen
Jüdischen Waisenhauses von Pankow, so hofft ihr Schöpfer, ihr Ende finden wird. Eigentlich sollte die
Skulptur schon seit mehr als einem halben Jahr dort sein, aber daß sie erst jetzt und ohne Einweihung
aufgestellt wird, ist Teil der Geschichte.
Um sie zu erzählen, muß man in der Kindheit des Künstlers anfangen. Die Eltern Alexander Polzins
arbeiteten beide in der Charité, der Vater als Pathologe, die Mutter im histologischen Labor. Der
Sohn machte seine Hausaufgaben an den Labortischen und ging danach auf Abenteuertour über die Flure,
wo Exponate der berühmten Virchowsammlung standen, die damals der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich war.
Wenn er abends nach Hause fuhr, sagt Alexander Polzin, sind ihm die Gesichter der siamesischen Zwillinge,
der Wasserköpfe und all der anderen in der Fachsprache Monstren genannten Gebilde in der Straßenbahn
wiederbegegnet. Irgendwann hat er angefangen, die von der Natur in eine ungewöhnliche Form gebrachten
Körper aus ihren mit Spiritus gefüllten Gläsern zu befreien, indem er sie zeichnete. "Ich kann bis heute
nicht rational erklären, warum ich mir damals in den Kopf gesetzt habe, die Zeichnungen in einem israelischen
Kibbuz ausstellen zu wollen." 1995 wurden zwanzig von ihnen unter dem Titel "Monster" im Kibbuz Givat-Ha-Viva
gezeigt, begleitet von einem von Sander L. Gilman herausgegebenen Buch, das zwischen der Monstersammlung
und der Monstrosität der Massenvernichtung eine historische Klammer zu setzen versucht.
In der Folge wurde Alexander Polzin eingeladen, sechs Monate im Internationalen Künstlerhaus in Herzlyia
bei Tel Aviv zu verbringen. Aus den sechs Monaten wurden neun, und aus einem der beiden aus dem Sinai-Gebirge
stammenden rötlichen Granitsteine wurde der Stein-Händler. Polzin fand sie in einem Steinlager in der Nähe
der israelisch-ägyptischen Grenze. Sie lagerten dort seit der Zeit, als Israel für einige Jahre die
Sinai-Halbinsel kontrollierte. Im Garten des Künstlerhauses schlug Polzin aus dem größeren der beiden
Steine eine zwei Meter hohe Figur, die mit dem Oberkörper eine dynamische Bewegung vollführt, die im
Widerspruch zu ihrer Beinhaltung steht. Der rechte, stärkere Arm ist dabei, einen Schlag auszuführen,
der schwächere linke schützt den Kopf, die Finger verletzbar abgespreizt.
Thomas Brasch, mit dem Alexander Polzin befreundet war, gab ihm den Namen Stein-Händler. Ein Wortspiel:
Stein, Hände, Steinhändler. Der, der die Stadt Vineta erlöst, indem er alle hundert Jahre ein Stück von
ihr loszukaufen versucht. Brasch verfolgte die Entstehung der Figur nur von Weitem. Daß er das Flugticket
nach Israel verfallen ließ und das Hotelzimmer stornierte, hing mit seiner eigenen Geschichte zusammen.
Vielleicht war da eine Angst, er könnte in Israel finden, wonach er nie gesuchte hatte. Er fragte Polzin,
in welche Himmelsrichtung der Steinhändler schaue. Polzin besorgte sich einen Kompaß, die Richtung war Berlin,
auch wenn der Stein-Händler von seiner Anatomie her den ersten Schritt in jedem Fall mit einem Sturz bezahlt
hätte. Letztendlich ist es genau so gekommen.
"Die Skulptur wurde", wie es im sachlich gehaltenen Bericht des Restaurators Karl Hiller heißt "in Israel,
wo sie gefertigt wurde, Opfer einer ikonoklastischen Attacke."
1998 schlugen unbekannte Täter die Finger ab. Wenig später bekam die Figur über Nacht eine Badehose aus Zement.
Polzin flog nach Israel und zog den Mann wieder aus. Dann verschwand der Fuß. Der Wunsch des Künstlers, daß ein
Israeli, der aus Berlin stammt, die Skulptur kauft und als Leihgabe in Berlin aufstellt, wurde trotz Fürsprache
namhafter israelischer Künstler wie dem Komponisten Josef Tal und dem Historiker Moshe Zuckermann nicht erfüllt.
Aber nach einem in Berlin erschienenen Zeitungsartikel erklärte sich die in Hannover beheimatete Cajewitz-Stiftung
bereit, die Skulptur nach Deutschland transportieren zu lassen und sie vor dem von ihr erworbenen ehemaligen
Jüdischen Waisenhaus in Pankow aufzustellen, eine Lösung, die auch von der Bürgermeisterin von Herzliya begrüßt wurde.
Bevor es dazu kam, erfuhr Alexander Polzin durch einen Anruf, daß der Stein-Händler fast vollständig zerstört worden sei.
Wie die zwei Meter hohe und eine Tonne schwere Figur über Nacht in eine Baugrube gelangte, wird ein weißer Fleck in der
Geschichte bleiben. Auch die genauen Gründe der Attacken sind nur Mutmaßungen. Lag es daran, daß der Bildhauer ein Deutscher
ist oder daß der Stein aus dem Sinai-Gebirge stammt? Oder liegt der Schlüssel in der Tatsache, daß Alexander Polzin, ohne sich
vorher darüber klar zu sein, mit seiner nackten männlichen Figur gegen das Bilderverbot streng gläubiger Juden verstieß?
Erst später fiel ihm auf, daß es in Israel kaum gegenständliche Skulpturen im öffentlichen Raum gibt. Polzin nahm die
nächste Maschine nach Israel und sicherte die Reste. Die Skulptur wurde in Einzelteilen nach Deutschland verschifft.
Vom Standpunkt der Restauratoren gab es zwei Optionen. Entweder die Skulptur, zerbrochen, in ihren Einzelteilen
aufzustellen oder sie wieder zusammenzufügen und sämtliche Spuren der Attacke zu beseitigen.
Polzin entschied sich für die Mitte beider Positionen. Der Stein-Händler wurde wieder zusammengesetzt, aber er zeigt
seine Narben und Verluste. Ihm fehlen Finger der linken Hand, ein Ohrläppchen, ein Fuß und der Penis. Alleine stehen
kann er nicht mehr. Er muß sich an eine Säule lehnen. Die steht schon seit Monaten im Vorgarten des ehemaligen
Jüdischen Waisenhauses in der Berliner Straße in Pankow. Ursprünglich sollte der Stein-Händler bei der Eröffnungsfeier
des restaurierten Hauses im April 2001 übergeben werden. Aber man fürchtete, daß eine Figur mit dieser Geschichte
Irritationen unter den geladenen Gästen hervorrufen könnte. So wird sie nun, still und leise, den kurzen Weg von
Bergmann-Borsig ins Zentrum von Pankow zurücklegen. Um nach Israel zu schauen, müßte der Stein-Händler in Richtung
Südost gedreht werden.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Berliner Seiten, 17. Januar 2002, Nr. 14, BS 3