Alexander Polzin - Documents
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Sander L. Gilman

  In meiner Vorstellung sehe ich ein Labor in der Berliner Charite, in dem Autopsien ausgeführt werden. Sie werden an Toten vorgenommen - Toten aller Art. Der alte Mann, der im Schlaf starb, das junge Mädchen, das auf dem Fahrrad überfahren wurde; diese Toten haben Namen und Geschichten, und ihre Körper sind die von Liebhabern und Freunden und Vätern. Aber es gibt noch andere Tote in diesem Labor - ohne Namen, ohne Geschichte - einige von ihnen schwimmen als Muster in Gläsern mit Konservierungsmittel. Es sind Föten, abgetrieben - von Gott oder von den Menschen - wegen ihrer Mißbildung oder ihrer Lebensunfähigkeit.
  Was wäre, wenn diese Toten sprechen könnten? Würden diese Föten sagen - Ihr - Gott oder die Menschen - habt uns lebensunfähig gestempelt ? Ihr habt verlangt, daß wir sterben; und wir werden aufbewahrt als lebendige Erinnerung an das, was Ihr nicht seid! Was hätten wir sein können als Kinder, als Erwachsene, als Greise? Ihr habt uns um die Erfahrung des Lebens gebracht.
  Monster machen uns Angst; Mißgeburten besetzen unsere Alp-träume. Nachts starren wir auf Schatten, die sich in verzerrte Körper zu verwandeln scheinen und uns bedrohen. Wir haben Angst vor dem, was wir als verschieden von uns wahrnehmen. Ja, die Natur selbst scheint sich vor dem Andersartigen zu fürchten. Der Jungvogel mit nur einem Flügel wird aus dem Nest in den Tod gestoßen. Spontane Fehlgeburten geschehen, so sagen wir uns, weil der ungestalte Fötus nicht einmal in der Gebärmutter überleben sonnte.
  Die Monster unserer Ängste sind wir selbst. »Die Natur« scheint Modelle für unser Handeln abzugeben, weil wir Bedeutungen in die Natur hineinlesen. Wir behaupten, ihre Geheimnisse und ihre Ge-setzmäßigkeiten zu erforschen, und wir geben ihr die Bedeutung von Gesetzmäßigkeiten, die wir erfunden haben und als natürlich bezeichnen.
  Im Labor der Charite gibt es noch andere Körper außer denen, die in den nur halb ausgestellten Gläsern verborgen sind. Einige sind eingesperrt in einem Exemplar von Eduard Pernkopfs Topographische Anatomie des Menschen. Lehrbuch und Atlas der Regionär-Stratigra-phischen Präparation, das geöffnet auf dem Tisch liegt, weil ein Medizinstudent seine Studien unterbrochen hat, um aus dem pathologischen Labor zu den lebenden Patienten im oberen Stockwerk zu laufen. In allen Lehrkrankenhäusern im Dritten Reich - von Berlin bis Straßburg und Wien - das gleiche: Körper kamen herein, wurden verarbeitet und verließen das Gebäude - manchmal in Richtung Krematorium, aber oft wurden auch Körperteile auf Bildern für den Unterricht festgehalten. Diese Bilder in den Anatomiebüchern sind so wenig wirklich - scheinbar nur Simulakren des Körpers, bloß Bilder, endlos gegenwärtig m ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Und dennoch waren sie auch einmal Menschen - nach dem »Anschluß« verurteilt vor dem Volksgerichtshof und dann dem Anatomischen Institut der Wiener Universität übergeben. Die Abteilung erhielt die Leichen der von den Nazis Exekutierten, auch der Widerstandskämpfer.
  Wessen Körper? Die mißgestalteten Körper natürlich. »Normale« Körper geben keine interessanten Präparate für den Unterricht ab. Anomalien, Mißbildungen, pathologische Befunde werden gebraucht. Aber, wie gesagt, wir schaffen die Kategorien der Mißbildungen, die wir brauchen und die unserer Auffassung von Zeit und Raum genügen. Unsere Monster definieren uns selbst.
  In Sauerbruchs Charite waren die Mißgestalteten die Politischen, die Juden, die Homosexuellen, die Exotischen. Benutzen wir die Lu-schanschen Tabellen und bestimmen wir den Normalzustand des Aussehens, und gebrauchen wir dann das Mißgebildete, jetzt klar definiert, als unser Muster. Nicht so grobschlächtig wie in Mengeles »Labor« in Auschwitz, aber gutes Unterrichtsmaterial kann man nicht einfach vergeuden, oder ?
  Alexander Polzin ist in den Laboratorien der Charite aufgewachsen. Seine Mutter war eine Labortechnikerin in der DDR, und nach der Schule machte er seine Hausaufgaben an ihren Labortischen. Sein Blick ist neu in der deutschen Kunst. Es ist ein Blick, der, anders als der langweilige, wichtigtuerische Monumentalismus der vergangenen Generation, die Details der Shoah ins Auge faßt. Sein Leporello des Monströsen erinnert an die ungelebten Leben - unge- lebt wegen ihrer Mißbildung und Lebensunfähigkeit, wie sie von der Welt, in der sie beinahe gelebt hätten, definiert wurden.
  Dies sind die mißgestalteten Ungeborenen, es sind Goyas Alpträume, gefangen in der Welt des Labors. Dies sind die nicht gedachten Ideen, die nicht gefühlten Gefühle, die Schrecken, die ohne Protest blieben. Dies ist das »Natürliche«, das unnatürlich gemacht wurde. Diese Föten sind nicht die Opfer der Shoah - Polzin ist nicht so grob -, es sind die in der Welt gegenwärtigen Alpträume - Alpträume, die von den Tätern geträumt und von den Opfern erfahren wurden. Seine Kunst überschreitet die Grenze zwischen der Welt des Labors und der der Galerie - und wir sind gezwungen, darüber nachzusinnen, was eine solche Reise bedeutet. Daß diese Alpträume noch immer unseren Schlaf heimsuchen, ist ein Zeichen ihrer Zeitlosigkeit.