Sander L. Gilman
In meiner Vorstellung sehe ich ein Labor in der Berliner Charite,
in dem Autopsien ausgeführt werden. Sie werden an Toten vorgenommen
- Toten aller Art. Der alte Mann, der im Schlaf starb, das junge Mädchen,
das auf dem Fahrrad überfahren wurde; diese Toten haben Namen und
Geschichten, und ihre Körper sind die von Liebhabern und Freunden und
Vätern. Aber es gibt noch andere Tote in diesem Labor - ohne Namen,
ohne Geschichte - einige von ihnen schwimmen als Muster in Gläsern
mit Konservierungsmittel. Es sind Föten, abgetrieben - von Gott oder
von den Menschen - wegen ihrer Mißbildung oder ihrer
Lebensunfähigkeit.
Was wäre, wenn diese Toten sprechen könnten? Würden diese
Föten sagen - Ihr - Gott oder die Menschen - habt uns lebensunfähig
gestempelt ? Ihr habt verlangt, daß wir sterben; und wir werden
aufbewahrt als lebendige Erinnerung an das, was Ihr nicht seid! Was
hätten wir sein können als Kinder, als Erwachsene, als Greise? Ihr
habt uns um die Erfahrung des Lebens gebracht.
Monster machen uns Angst; Mißgeburten besetzen unsere Alp-träume.
Nachts starren wir auf Schatten, die sich in verzerrte Körper zu verwandeln
scheinen und uns bedrohen. Wir haben Angst vor dem, was wir als verschieden
von uns wahrnehmen. Ja, die Natur selbst scheint sich vor dem Andersartigen
zu fürchten. Der Jungvogel mit nur einem Flügel wird aus dem Nest in den Tod
gestoßen. Spontane Fehlgeburten geschehen, so sagen wir uns, weil der
ungestalte Fötus nicht einmal in der Gebärmutter überleben sonnte.
Die Monster unserer Ängste sind wir selbst. »Die Natur« scheint
Modelle für unser Handeln abzugeben, weil wir Bedeutungen in die Natur
hineinlesen. Wir behaupten, ihre Geheimnisse und ihre Ge-setzmäßigkeiten
zu erforschen, und wir geben ihr die Bedeutung von Gesetzmäßigkeiten,
die wir erfunden haben und als natürlich bezeichnen.
Im Labor der Charite gibt es noch andere Körper außer denen,
die in den nur halb ausgestellten Gläsern verborgen sind. Einige sind
eingesperrt in einem Exemplar von Eduard Pernkopfs Topographische
Anatomie des Menschen. Lehrbuch und Atlas der Regionär-Stratigra-phischen
Präparation, das geöffnet auf dem Tisch liegt, weil ein Medizinstudent
seine Studien unterbrochen hat, um aus dem pathologischen Labor zu den
lebenden Patienten im oberen Stockwerk zu laufen. In allen
Lehrkrankenhäusern im Dritten Reich - von Berlin bis Straßburg und Wien
- das gleiche: Körper kamen herein, wurden verarbeitet und verließen das
Gebäude - manchmal in Richtung Krematorium, aber oft wurden auch
Körperteile auf Bildern für den Unterricht festgehalten. Diese Bilder in
den Anatomiebüchern sind so wenig wirklich - scheinbar nur Simulakren des
Körpers, bloß Bilder, endlos gegenwärtig m ihrer technischen
Reproduzierbarkeit. Und dennoch waren sie auch einmal Menschen - nach dem
»Anschluß« verurteilt vor dem Volksgerichtshof und dann dem Anatomischen
Institut der Wiener Universität übergeben. Die Abteilung erhielt die
Leichen der von den Nazis Exekutierten, auch
der Widerstandskämpfer.
Wessen Körper? Die mißgestalteten Körper natürlich.
»Normale« Körper geben keine interessanten Präparate für den Unterricht
ab. Anomalien, Mißbildungen, pathologische Befunde werden gebraucht.
Aber, wie gesagt, wir schaffen die Kategorien der Mißbildungen, die wir
brauchen und die unserer Auffassung von Zeit und Raum genügen. Unsere
Monster definieren uns selbst.
In Sauerbruchs Charite waren die Mißgestalteten die
Politischen, die Juden, die Homosexuellen, die Exotischen. Benutzen
wir die Lu-schanschen Tabellen und bestimmen wir den Normalzustand
des Aussehens, und gebrauchen wir dann das Mißgebildete, jetzt klar
definiert, als unser Muster. Nicht so grobschlächtig wie in Mengeles
»Labor« in Auschwitz, aber gutes Unterrichtsmaterial kann man nicht
einfach vergeuden, oder ?
Alexander Polzin ist in den Laboratorien der Charite
aufgewachsen. Seine Mutter war eine Labortechnikerin in der DDR,
und nach der Schule machte er seine Hausaufgaben an ihren Labortischen.
Sein Blick ist neu in der deutschen Kunst. Es ist ein Blick, der, anders
als der langweilige, wichtigtuerische Monumentalismus der vergangenen
Generation, die Details der Shoah ins Auge faßt. Sein Leporello des
Monströsen erinnert an die ungelebten Leben - unge- lebt wegen ihrer
Mißbildung und Lebensunfähigkeit, wie sie von der Welt, in der sie
beinahe gelebt hätten, definiert wurden.
Dies sind die mißgestalteten Ungeborenen, es sind Goyas
Alpträume, gefangen in der Welt des Labors. Dies sind die nicht
gedachten Ideen, die nicht gefühlten Gefühle, die Schrecken, die
ohne Protest blieben. Dies ist das »Natürliche«, das unnatürlich
gemacht wurde. Diese Föten sind nicht die Opfer der Shoah - Polzin
ist nicht so grob -, es sind die in der Welt gegenwärtigen Alpträume
- Alpträume, die von den Tätern geträumt und von den Opfern erfahren
wurden. Seine Kunst überschreitet die Grenze zwischen der Welt des
Labors und der der Galerie - und wir sind gezwungen, darüber
nachzusinnen, was eine solche Reise bedeutet. Daß diese Alpträume noch
immer unseren Schlaf heimsuchen, ist ein Zeichen ihrer
Zeitlosigkeit.