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Europäisches Gepäck. Für Alexander Polzin
von
Reinhart Meyer-Kalkus

  Walter Benjamin - man muß ihn als Heiligen vom Dienst in diesen Räumen zitierten - genauer gesagt: Walter Benjamins Tante pflegte, wenn sie sich im Kreise ihrer Freundinnen zum Kaffeekränzchen niedergelassen hatte, auszurufen: "Das wird aber ein schöner Nachmittag gewesen sein!" Benjamin hatte an diesem Ausspruch Gefallen, und als metaphysischer Lumpensammler, als der er sich selber verstand, hat er dieser unscheinbaren Äußerung eine tiefsinnige Deutung verliehen. Was ihn interessierte, war die altertümliche Tempus-Form des Zweiten Futurs oder - wie es im Deutschen heißt - des "Futurum exactum". Ist dieses Zweite Futur, mit dem wir Abstand zur Gegenwart gewinnen und das Urteil künftiger Generationen vorwegnehmen - ist dieses Futur nicht die Domäne jedes Historikers? "So wird es einmal gewesen sein!" An dem besseren Wissen der Nachwelt muß sich jede historische Aussage messen lassen können.
  Alexander Polzins Bilder erinnern daran, daß diese Zeitform nicht nur ein Sprachspiel von Historikern ist. Auch seine Bilder sagen: "So wird es einmal gewesen sein." Ernst und Pathos seiner Kunst haben hier ihren Grund. Es sind Botschaften, adressiert an Betrachter, die ihr Gepäck, ihr "europäisches Gepäck", bereits vor langem geschnürt haben und woandershin aufgebrochen sind; die auf Europa wie auf eine verschwindende Kultur zurückblicken.
  Polzin hat in seinen Gemälden, seinen Graphiken und seinen Skulpturen vor allem drei Bildtypen für dieses "So wird es gewesen sein" ausgeprägt: Da sind zunächst die "Zeitbilder" oder (mit einem Begriff von Walter Benjamin) die "dialektischen Bilder" wie "Archiv", "Althusser betrachtet Rembrandts Ochsen" oder "Die Pest". Bilder, wie sie aufblitzen im Anblick von geschichtlichen Umbrüchen oder Katastrophen, privaten wie kollektiven. In "Archiv" kehren durch die verblassenden Schemen des DDR-Heiligenkalenders die Gespenster von 1939 zurück ("Um 5.45 Uhr wird zurückgeschossen"). Brüche im Sedimentärgestein der neuen Bundesrepublik, die kein gutes Omen sind.
  Das Jahr der Wende - 1989 - bedeutete für den damals Sechszehnjährigen die Kristallisation der Idee eines Werks, das er schaffen könnte. (Fragte man ihn Anfang der neunziger Jahre nach dem Entstehungsdatum seiner Bilder, so antwortete er in acht von zehn Fällen: "1989".) Während andere verstummten, fand er hier seine Sprache: Mit der Kraft der Erinnerung versuchte er festzuhalten, was er als Entschwindendes, Untergehendes erlebte. Ein Ethos der Treue, nicht des nachholenden Gehorsams, das seine Arbeiten seither bestimmt.
  Dieses Motiv einer bildnerischen Gedächtniskunst gilt auch für den zweiten Bildtypus, der sich in seinem Oeuvre findet: die "Erinnerungs-Säulen" (griech. "Stelen") oder "Ahnengalerie" - Portraits, die Polzin von seinen imaginären Gesprächspartnern entwirf, die ihm bereits zu DDR-Zeiten das geistige Überleben ermöglichten - sein europäischer Nachlaß. Dieser reicht von Sokrates, Johann Sebastian Bach, Carl von Linné, James Cook, Marquis de Sade, Heinrich von Kleist, Robert Schumann, Walter Benjamin, Robert Jungk bis hin zu Heiner Müller.
  Polzin ist fasziniert von Haltung und Physiognomie des denkenden Menschen - oder sollte ich sagen: des denkenden Mannes. Mag sein, daß diese Physiognomien versteckte Selbstbildnisse sind. Es sind vor allem zwei Züge, die wilde Sinnlichkeit des Mundes und die traumverlorene Dunkelheit der Augen, die ihn fesseln. Mund und Augen, Blick und Stimme, dies sind die Medien, mit denen sich - abgesehen von der Schrift - die Anstrengung des Denkens anderen mitteilt. Liegt in ihnen nicht auch die erotische Gewalt begründet, die Denkende über andere Menschen, gleichviel ob Mann oder Frau, ausüben? Nichts eindrücklicher dafür als das Bild des flammenden Sokrates. Auch das Kleist-Portrait gehört in diesen geistig-erotischen Zusammenhang: Das Bildnis des jugendlichen Dichters wird überblendet von dem blutüberströmten Leichnam des Achilles, so wie ihn die mörderisch-liebende Penthesilea in Kleists Tragödie beschreibt ("Ach, diese blutgen Rosen! Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt! Ach, wie die Knospen, frischen Grabduft streuend, zum Fest für die Gewürme, niedergehn!"). Der Portraitist als Allegoriker: Das Dasein verwandelt sich unter seinen Augen in Verfall, das Leidenschaftlich-Passionelle verwittert, das scheinbar Dauernde zerfällt.
  Wo anders als in Berlin, dieser Stadt der historischen Sedimentierungen und der abrupten Neuanfänge, hat ein solcher Maler aufwachsen können? Polzin hat nicht zufällig viele seiner Bildzyklen Heinrich von Kleist und Heiner Müller gewidmet, den preußisch-sächsischen Tragikern. Ihnen weiß er sich solidarisch - mit seiner stürmischen Wißbegier, seinem fast altväterlichen Künstlerernst und seiner Neigung zu tragisch-heroische Sujets wie "Medea", "Penthesilea" und "Ikarus" - dem dritten Bildtypus, der sich in seinen Arbeiten ausgeprägt findet. Polzin spielt nicht mit diesen Bildtraditionen, wie seinen Arbeiten ja überhaupt das Spielerisch-Naive fehlt. Jederzeit zu Gewaltsamkeiten gegenüber sich selber bereit, kämpft er - manchmal über Jahre hinweg - um den angemessenen Ausdruck, die gültige Formel, das Concetto, wie terrorisiert von dem Anspruch der Tradition, dem er sich unterwirft. So finden sich in seinen Bildern und Graphiken auch keine beiläufig-flüchtigen Gesten, keine Psychographik des Ausdrucks, die der Hand freien Lauf ließe; und vom impressionistischen Glück der Farbe weiß er sich wie durch Berührungsscheu getrennt.
  Polzin hat eine Ausbildung - die einzige Ausbildung nach dem Abitur - als Steinmetz gehabt. Wer sein Atelier kennt, weiß, daß er seine Konfigurationen aus zahllos übereinandergelagerten Farbschichten herausgräbt, meißelt und feilt. Eine Technik der Erschwerung ist dies, die er sich auferlegt hat, um den allzuleichten Ausdruck umzuleiten, das allzuschnell Mitteilbare zu kondensieren. Keine Bilder der leichten Hand entstehen so, sondern archäologische Fundstätten, aus denen er dreidimensionale Schriftzüge herausarbeitet, dazu bestimmt, einmal gut gelesen und gedeutet zu werden - von vielleicht wissenderen Betrachtern, als wir es selber sind.
  Diese Gedächtniskunst ist nicht monologisch, sie sucht den Dialog mit Betrachtern. Polzin konzipiert viele seiner Bilder und Skulpturen denn auch für bestimmte öffentliche Räume - und führt einen donquichottesken Kleinkrieg mit den Institutionen über Aufstellung und Aufhängung. Es ist deshalb eine besonders glückliche Konstellation, daß die erste öffentliche Ausstellung seiner Arbeiten gerade im Einstein-Forum stattfindet, einem Institut des Dialogs zwischen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit, das sich seinerseits der Zukunft, der abgeschlossenen wie der unabgeschlossenen und noch gar nicht begonnenen, verpflichtet weiß. Denn - um noch einmal auf das Futurum exactum zurückzukommen - so bezeichnet diese Zeitform ja nicht nur ein Geschehen, das in der Zukunft abgeschlossen sein wird, sondern ebensowohl ein Geschehen, das vom Standpunkt des Sprechers aus noch gar nicht begonnen hat ("In zehn Sekunden werden Sie der Mühen des Zuhörens überhoben sein.").
  Diese zweite Form des vergangenen Futurs ist ein bedeutsamer Zug, den Wissenschaft und Kunst gemeinsam haben: Eigentlich haben beide noch gar nicht recht begonnen - oder sind uns vielmehr als immer wieder neu hervorzubringende aufgegeben. Auch das erstaunliche Werk von Polzin wird - so vielgestaltig und reif es uns heute schon entgegentritt - in vielem ein Versprechen, ein Versprechen auf die Zukunft gewesen sein - eine "promesse de l’avenir".

Potsdam, den 11.12.1997