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Adolf Muschg
Ein Engel, kein Engel
Gedanken zu einer Plastik Alexander Polzins

  Vor meinem Arbeitsplatz in Zürich, der ehemaligen Sternwarte, gibt es eine Figur. Sie ist in Bronze gegossen, wie der massive Baumstumpf, auf dem sie liegt, ohne auf ihm zu ruhen. Aber auch schwebend möchte ich sie nicht nennen, dafür liegt sie wieder zu bodennah, zu schräg, zu auffällig verdreht. Exponiert, und doch wieder wie von ungefähr abgeladen, aus dem Hausinneren weggeräumt und nicht abgeholt, legt sich das kaum menschengroße Bildwerk auf dem gekiesten Vorplatz quer, zu bescheiden, um zu imponieren, zu stoßend, um übersehen zu werden, ein Sperrgut, ein nicht ganz irdischer Fremdkörper, das sich selbst überlassene, fest gewordene Produkt eines Unglücksfalls.
  Die Höhe der sauber restaurierten Semper-Sternwarte dahinter, der auf einen Rustico-Sockel gesetzte, über eine kleine Freitreppe erreichbare dreigeschoßige Mitteltrakt, dessen Vorderfront turmartig schmal, wie eine herausspringende Klippe wirkt, könnte die ein wenig zufällige Lage der Figur als Resultat eines Sturzes von dieser Höhe deuten lassen. Beschädigt wirkt sie, auf den ersten Blick, genug. Aber die angestrengte, gestreckte Horizontale, in der sie, hart über dem Boden, über dem Bronzestumpf verharrt, widerspricht dieser Deutung. Eher kann man sich einen Vogelmenschen denken, der, aus überirdischem Nest gefallen, nach Verlust eines Flügels und eines Beins, beim Versuch, aufzuflattern, unversehens eingefroren und fixiert wurde. Doch hat die festgehaltene Bewegung nichts Aufgeregtes, und wenn der seitlich weggekippte Kopf, das verdrehte einzige Bein ein Ende mit Schrecken signalisieren, die ganze Figur tut es nicht. Mit dem Ausdruck hingerissener Ruhe treibt sie in einem eigenen unsichtbaren Element, in dem Schwerkraft und Auftrieb sie in der Waage halten. Sie verbirgt den Umfang ihrer Zerstörung nicht. Ein großes Stück der rechten, dem Strunk angelehnten Körperseite ist, mit (mutmaßlich) Arm und Flügel, angerissen. DieLage des Kopfes, der aus seinem panzer- oder knorpelartigen Gelenk herausgewürgt, hintübergedreht ist, suggeriert eine barbarische Art von Hinrichtung. Auch am verbliebenen, diesmal rechten Bein scheinen vierteilende Kräfte gezerrt, es bis zum Fußklumpen gestreckt und aus dem Lot gewunden zu haben, während das linke Bein einfach fehlt, dem Rumpf ausgerissen ist wie das Bein eines Insekts.
  Die Figur konnte, scheint es, nur als zerstörte menschenförmig werden. Aber bei näherer Betrachtung fällt auf, daß die Schnitte, die sie an Haupt und Gliedern zertrennen, nicht mit Wunden zu verwechseln sind. Die Merkmale des Defekts sind zugleich solche der Konstruktion. Die Figur ist, wie der Gliedermann eines Kunstschülers, aus Stücken zusammengesetzt, deren Dekomposition denn also kein Gewaltakt sein muß, sondern dem Studium anatomischer Richtigkeit dienen kann. Aber diese genießt hier wenig Respekt. Die Glieder sind Erdklöße, das Modell ist verwachsen, in mehr als einem Sinn. Aus dem grob vernähten oder in ein Panzerkorsett gezwungenen Rumpf beult sich auf seiner nach oben gekehrten Seite, über der Herzgegend, eine fast weibliche Brust, es könnte der Schwellkörper für die m die Höhe gestoßene Schwinge sein, zu der sich die Schulter verlängert, eine hochgezogene, ausladende Spitze treibt, deren Schraffuren ein Federkleid andeuten. Doch was hier noch als Flügelfortsatz erscheint, zieht sich, über die ganze Länge des Torsos, wieder zum angelegten Arm, zur gedrückten Hand zusammen. Dieser Flügel ist leibgebunden, angefesselt, eine großartige oder abscheuliche Entstellung der Figur, ein gedehnter Buckel, der freilich, zu einer Art Flughaut ausgezogen, zum blattartigen Organ verschlankt, dem Gestürzten ein heroisches Gepräge gibt, die Verwandtschaft mit Ikaros betont. Auch der abgedrehte Kopf, Träger eines großen, blinden, mit dem breiten Nasenstück, dem wie eine kleine Muschel aufgesetzten Mund irgendwie ozeanischen Gesichts, gleicht kindlich einer Sonne, der sich zuzuwenden er nicht aufhören kann.
  Die Figur ist der Sternwarte als »Engel« zugeflogen. Der junge Künstler, Alexander Polzin aus Berlin, ist mir nur flüchtig bekannt; aber auch bei größerer Vertrautheit würde mir seine Arbeit zur Pflicht machen, mich nicht »so zu verhalten, als kennte ich ihn.« So Robert Waisers Verwahrung gegen einen sog. Kunstliebhaber. Die Verwandtschaft dieses Satzes mit Polzins »Engel« ist unübersehbar; auch andere Verwandtschaften lassen sich mühelos beibringen, etwa mit Barlachs Schwebendem Engel im Dom zu Güstrow, den in Eava gegossenen Menschenbildern von Pompeji, den Opfern der Lager. Am wenigsten leicht abweisen lässt sich die Verwandtschaft Walter Benjamins und seines - vielmehr: Paul Klees - Angelus Novus: »Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.«
  Ein durchdringendes Bild Walter Benjamins, von Polzin gemalt, hängt im Arbeitszimmer meines und seines Freundes; es legt nahe, daß der »Engel« vor der Sternwarte vom selben Himmel gestürzt sei wie der Angelus Novus. Nur: da ist kein Himmel, der sich bevölkern ließe, am wenigsten mit Schutzgeistern für tröstliche Phantasien. Er ist in diesem Jahrhundert endgültig zum »Grab in den Lüften« geworden; und inzwischen schaufelt sich eine erhitzte Zivilisation, die das Verbrennen ihrer Substanz noch vervielfältigt hat, in diesem Himmel ihr eigenes Grab. Dieser Himmel hat seine Zitierbarkeit für höhere Zwecke verloren; die Position der Engel - wörtlich: der Boten - beruhte aber auf eben dieser Zitierbarkeit.
  Kunst sieht nicht, sie macht sichtbar (Klee); Kafka hat sichtbar gemacht, wie unerkannt Engel unter uns herumirren können, ohne ihre Botschaft loszuwerden. Wie sollten sie: sie kennen sie nicht, denn sie wissen von sich selbst nicht mehr. Und eben dies ist, wie in der chassidischen Legende von den 40 Gerechten, auch noch die Bedingung dafür, daß sie Engel sind: sobald sie es wissen, sind sie verloren. Daß »jeder Engel schrecklich«, und daß wiederum »das Schöne nichts als des Schrecklichen Anfang« sei, den wir gerade noch ertrügen: auch dieser Begriff von Kunst kann uns inzwischen nur noch gut gemeint vorkommen. Zu radikal haben wir den Raum geleert, in dem es bisher Zeichen zu setzen, zwischen einem Bezeichneten (wie verborgen immer) und einem Bezeichnenden (wie dürftig immer) zu vermitteln gab; und dieses Auf und Nieder, Hin und Her war ja die Existenzgrundlage der Engel. Es setzte mindestens - wie die Flügel bezeugen - die Entfernung der Götter voraus.
  Auch von dieser kann heute keine Rede mehr sein; denn das Reden kennt seinen Abstand nicht mehr von dem, wovon es zu reden glaubt. Wo aber Zeichen hinfällig werden, nützt auch die beste Deutung nichts; da fallen auch keine ab. An die Stelle der Deutung muß die Offenheit für Spuren treten, die dort - ohne Gewähr - am ehesten zu vermuten sind, wo die Deutung versagt.
  Fast jeden Tag gehe ich an Alexander Polzins Figur vorbei, und meine Augen, mein Kopf schreiben sich mit Deutung voll. Sie gehört zu meinem Beruf, mit ihr verdiene ich mein Brot. Die Sternwarte wurde 1854 für wissenschaftliche Sterndeutung eröffnet; inzwischen hat die Stadtbeleuchtung die Objekte dafür eingezogen. Ich übe mich darin, Polzins »Engel« zu besetzen - das letzte Mal war, nach einer Kleist-Lektüre, die Version mit dem »Gliedermann und dem Gott« an der Reihe. Nach der geistvollen Besetzung das regelmäßige schlichte Entsetzen: die Figur schweigt mich an. Und mitten im Entsetzen die Heiterkeit: war da nicht eine Spur? Je gelassener ich mich vor Deutung hüte, desto deutlicher fühle ich mich behütet.
  Sollte der Engel immer noch seinen Dienst tun? Ephemer, wie sonst; Engel sind (wenn wir viel Glück haben) Eintagsfliegen - wie anders sollen sie sich in unserer Luft zeigen ? »Werden doch sogar nach einer talmudischen Legende die Engel - neue jeden Augenblick in unzähligen Scharen - geschaffen, um, nachdem sie vor Gott ihren Hymnus gesungen, aufzuhören und in Nichts zu vergehen.« (Walter Benjamin in der Ankündigung der Zeitschrift: Angelus Novus.)