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Peter Nadas
Archäologie der Zerstörung
Aus dem ungarischen von Laszlo Kornitzer

Wie abgestorbene, voneinander losgelöste Epidermisschichten auf der Haut. Unter den Schichten längst abgewickelter Zeiten liegen Schichten anderer Lebenszeiten. Nur dass es die Perspektive, durch die die Schichtmassen / Schichten gegen einander messbar wären, auf den Bildern von Polzin nicht gibt. Man weiß nicht, welche Zeit die andere zudeckt oder gerade enthüllt. Es gibt archäologische Zeichen auf den Bildern, doch es fehlen Maß und Maßstab zur ihrer Erklärung. Man kann nicht wissen, was wovon verblieben ist, wozu das gehörte, was übrigblieb, und zu wem oder wozu all die vielen Einzelheiten gehörten.
Zur Erhellung der Zusammenhänge gibt es augenscheinlich kein Werkzeug. Keine Schaufel, mit der man von der andeutenden Oberfläche zu tieferen Schichten vordringen könnte. Keinen so feinen Spachtel, mit dem sich von einer fremden Schicht die spätere, vielleicht auch frühere fremde Schicht vorsichtig abtragen ließe. Und auch keinen Pinsel, mit dem sich ganz vorsichtig die farbige Ablagerung von Staub und Asche entfernen ließe.
Auf Polzins Bildern werden übereinander gelagerte Plättchen und Brocken aus Tiefenwelten sichtbar, die wahrscheinlich beim Schein einer Atomexplosion an die Oberfläche der Gegenwartswirklichkeit gebrannt worden sind. Oder es könnte irgendeine ähnlich dimensionierte Katastrophe mit Raum und Zeit passiert sein. Obgleich alles so heiter, leicht, zwitschernd und rosarot ist. Man weiß nicht nur nicht, was auf dieser Oberfläche wozu gehört, sondern noch weniger, was welche Lücke füllt. Wofür das Zeichen war, was jetzt neben etwas anderem etwas anderes bezeichnet oder bedeutet. Die Uhren blieben mit Sicherheit stehen, als die Katastrophe eingetreten war. Was allerdings auch bedeuten könnte, dass sie sich auf die Zeit der Ewigkeit eingestellt haben. Es gibt keine Luft und in Ermangelung davon keinen Schatten und keine Lichtbrechung. Alle ehemaligen Farben der Dinge haben sich im Jahrhundert der Katastrophe vielleicht gleichfalls verändert.
Alexander Polzin ist ein junger Mann, der in die nach der schwersten Verwüstung der menschlichen Zivilisation fortdauernde Verwüstung hineingeboren ist. Er hat schwerer als Granit zu bearbeitende Gipsblöcke aus dem Abraum gehoben und aus ihnen den Mann gemeißelt, der sich vor den Augen einer an eine Säule geketteten Frau zur Brücke wölbt. Ich glaube nicht, dass dieser in der Sintflut getränkte Gips Kenntnis von Carrara-Marmor hat, und in seiner Erinnerung ist auch bestimmt nicht verwahrt, dass die Helden früherer Jahrhunderte im Zeichen der Unvergänglichkeit in Stein gehauen wurden. Auch von der Heldenhaftigkeit selbst hat der Gips keine Kenntnis. Sicher weiß er auch nicht, daß diese beiden, Heldenhaftigkeit und Carrara-Mamor, zusammengehören, und auch nicht, dass es einen Begriff wie Zusammengehörigkeit gibt. Vielleicht weiß der Gips, dass er der spröde Stoff des letzten Seinsmoments ist. Polzins Skulptur ist nichtsdestoweniger reich an Geschichte. Man hat die Frau vielleicht an den Pranger eines mittelalterlichen Marktplatzes gefesselt, vielleicht an einen Pfahl, bevor man unter ihr den Scheiterhaufen entzündete, der in Lust im Todeskampf erstarrte Mann aber stammt vielleicht aus früheren Zeitaltern. Schönheit in der fortdauernden geschichtlichen Katastrophe.
"DIE WELT, Welt / in allen Fürzen gerecht." Mit diesen letzten Worten nimmt Celan den im Ascheregen vor Pompeji vorüberschiffenden Plinius in sich auf, und Polzin mustert ihn aus dieser doppelten Perspektive.