Violeta Sánchez
Neun Rätselfelder
Das künstliche Licht scheint die einzige Konstante zu sein. Weder abweisend kalt
noch aufsaugend warm leuchtet es den Raum aus, dieses Mienenfeld der Augenreize.
An für den Besucher unterbrochenen Arbeiten vorbei, unter Flaggen- und Kulissenresten
hindurch und über Kisten mit Werkstoffen hinweg, bewegt man sich auf sie zu. Als
wollten sie sich in der hinteren rechten Ecke ins Private zurückziehen und sich
ihr Revier abstecken, als wollten sie, alle gemeinsam, einen Raum im Raum aufspannen
und eine kleine Enklave der Ruhe, der Helligkeit und der zurückgenommenen Farbtöne
bilden, treten sie so ganz und gar nicht anspruchslos auf: Die neun Rätselfelder
von Alexander Polzin.
Doch die Ruhe, die diese Felder ausstrahlen, ist trügerisch. Immer wieder
durchbricht in einzelnen Bildern kräftiges Kolorit - mal das Blutrot einer
Lippe, mal das Türkisblau eines Lidstriches - die überwiegend matte Farbschicht
und indiziert einen bewegten Untergrund. Selbst die deutlichen Konturen der
auftauchenden Buchstaben, der Gesichter und Tierköpfe verschränken sich derart
miteinander, dass der suchende Blick nie in der Gewissheit eine Figur erkannt
zu haben zum Stillstand kommt. Allein der weiße Farbauftrag, der, als sei er
oberste Schicht, ganze Bildpartien bis zur Unkenntlichkeit überzieht und sich
wie eine kaschierende Schneedecke oder ein verhüllender Dunst über die Felder
legt, ermöglicht es den neun Rätseln, sich wieder zurückzuziehen, und das so
energisch, dass man ihnen den Triumph des sich Zurückziehens nicht
gönnen mag.
Warum nur rastet der Blick nicht ein in diesen Bildern und bleibt doch auf
ihnen hängen? Warum wandern die Augen, anstatt wie gewohnt zu fixieren, verschämt
und sich unertappt wähnend, beständig über den großen Rahmen hinaus, der,
zusammengesetzt aus der Summe der neun Einzelrahmen, wie ein Schutzwall nach
außen die neun Bilder abzuschirmen und sie zu einem einzigen Energiefeld zu
bündeln scheint? Warum erwischt man sich dabei, Reibung und Provokation für
den Visus außerhalb dieser Bilder, sogar unmittelbar neben ihnen zu suchen und
gleichzeitig, Schicht um Schicht, in sie eindringen zu wollen?
Einem Blick aus dem Fenster auf die Straße oder einer Fahrt mit der Tram durch
einen der von jungen Glückssuchern überschwemmten Teile eben jenes Berlins, das
ihm, Heiner Müller, ein Jahr vor seinem Tod zu einer fremden Stadt geworden
war - diesem Blick auf Berlin, dem heute, zehn Jahre später, das Potential
attestiert wird, in seinem Namen das Synonym für eine Republik oder eine
Generation zu tragen, scheint eine Antwort innezuwohnen. Mit keiner der
Leuchtreklamen, keinem der großflächigen Anzeigenplakate, keinem der Werbebilder,
die das Stadtbild prägen, scheinen Alexander Polzins neun Rätselfelder auch nur
über das tertium comparationis "Bild" eine Verbindung einzugehen, so sehr entziehen
sie sich der Augen-Routine des Großstädters.
Niemals könnten Polzins Bildern die Bretter, auf denen der tägliche Kampf um
Anerkennung ausgefochten wird, eine attraktive Bühne sein. Sie haben diesen Kampf
nicht nötig, denn in ihnen, oder heißt es auf ihnen, treffen sich die Kombattanten.
Ein kleines Mädchen, Anna - wie einem die Widmung von Red Riding Hood verrät und
jede Vorfreude darauf nimmt, über die Identität des Gesichtes zu spekulieren - die
kleine Anna also, taucht in den neun Rätselfeldern ebenso vom Bildrund auf wie der
Wolf, gegen den sie Feld um Feld antritt, um sich neun Mal der Frage zu stellen,
wer am Ende das Feld dominieren wird. Zwischen Rage und Fear, zwischen Wut und
Furcht, treffen beide aufeinander, scheinen sich ineinander festzubeißen, tun
sich aber doch nichts Böses.
Könnten Augen sich aus ihren Höhlen lösen, so würden sie versuchen, zwischen die
Materialschichten der Bilder zu gelangen, um jene, nicht abzutragen, sondern,
gleichsam aus der Innenansicht, genau voneinander zu trennen und die Buchstaben,
das Kindergesicht und die Tierfratze entlang ihrer Konturen freizulegen. Aber
Polzins Bilder müssen Rätselfelder bleiben, deren schichtweise Binnendifferenzierung
zwar zu erahnen ist, in denen die einzelnen Überlagerungen der Farben allerdings
nicht aus ihrer Verschränkung zu lösen sind. Und mehr noch, je länger man die neun
Felder betrachtet, desto stärker scheint das Vexierspiel seine Kraft zu entfalten.
Annas Auge wird Wolfsauge und umgekehrt. Mädchen und Tier kämpfen um den Platz an
der Oberfläche, buhlen um die erste Assoziation des Betrachters und kaum scheint sich
eine Schicht über die andere gelegt zu haben, verschmelzen sie wieder zu einem
unergründlichen Rätsel.
Kompromisslos, nicht nur im Atelier, werden einem die neun Bilder die Ruhe und
die Zeit abverlangen, dieses nicht enden wollende Spiel zu betreiben. Wie Anna
und Wolf gegeneinander, so werden sie, alle neun, um einen geduldigen und
konzentrierten Blick kämpfen, mögen es ihnen Ablenkungen auch noch so schwer
machen.
Auch dieses - ein Krieg ohne Schlacht, hätte er vielleicht gedacht,
Heiner Müller, und die schmalen Lippen zu einem Lächeln gezogen.